Reflektierte Sprache

 

Wer spricht? – Auf wen hören wir?

 

Wir leben in teils populistischen Zeiten, zumindest wenn wir viele gesellschaftliche wie politische Themen verfolgen. Da werden Inhalte verkürzt dargestellt, da werden Sachverhalte auf ein wirksames, weil nach Aufmerksamkeit heischendes, Minimum zugespitzt, da werden vermeintliche Gegner mit Argumenten aus dem Ring gedrängt, um den eigenen, nicht immer haltbaren Argumenten mehr Raum geben zu können.

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Bilder im Kopf

In unserer Kommunikation greifen wir im Austausch mit anderen auf das zurück, was wir an Erfahrungen in unserem Gedächtnis gespeichert, in früherer Zeit gelernt haben. Um diese Erfahrungen anzureichern und damit unser Repertoire an Kommunikationsmöglichkeiten zu erweitern, braucht es eine Offenheit für Neues und die Bereitschaft, die eigenen Handlungs- und Verhaltensoptionen immer wieder zu ergänzen.

Unbekanntes erschließen wir uns dabei auf vielfältigem Wege. Lernen wir dieses Unbekannte von anderen, so nutzen diese ihre Erfahrung und ihr Repertoire, um ein „Ding“ uns bekannt zu machen und wir versuchen, uns dieses Dingliche anzueignen.

Dieses noch unbekannte, neue, korrespondiert mit unseren eigenen Erfahrungen. Wir suchen in unserer Kiste, welche Erfahrungen denn am ehesten mit der neuen verglichen, ergänzt, ersetzt oder erklärt werden kann. Wir suchen in unserer Kiste, in unserem Erfahrungsschatz, nach Bildern.

 

Metaphern als Instrument

Im Austausch ist eine Metapher ein oft genutztes Stilmittel, einen Ausdruck oder Sachverhalt zu umschreiben. Ein nicht greifbares Ding wird angereichert, um ein Bild im Kopf zu erzeugen. Der „Erfahrungsschatz“ aus dem vorherigen Satz ist auch eine Metapher: Verbinden wir doch den kognitiven Prozess des Erlernens mit einem Schatz, den wir uns in allen Kulturen sicherlich zumeist gleich vorstellen. Unser Erfahrungsschatz ist dann gar gleich unser Reichtum, den wir mit neuen Erfahrungen noch vergrößern.

Metaphern erzeugen Bilder im Kopf. Einige sind Gleich mit denen unseres Gegenübers, andere sicherlich völlig different. Metaphern erleichtern die Kommunikation, sind eine bildhafte Sprache. Der „riesige Berg Arbeit“ vermag ein Gefühl dafür vermitteln, wie sich ein Mitmensch belastet fühlt und bedarf wenig Interpretation. Ein „Madeleine sieht aus wie ein Supermodel“ erzeugt auch Bilder einer unbekannten Person, sofern zwischen den Menschen ähnliche Attribute für ein Model vereinbart sind. Ein „märchenhafter Augenblick“ macht es aber schon schwerer: Was ist für mich märchenhaft, was für den anderen?

Metaphern – oder: bildhafte Sprache – können auch wirklich, absichtlich beeinflussend eingesetzt werden. Gerade in gesellschaftlichen Diskursen vereinfachen Metaphern komplexe Sachverhalte, inkludieren und exkludieren. Das können einfache Worte sein, wie ein „Mob“ für eine Ansammlung von Menschen mit bestimmten Absichten. Das können Umschreibungen sein wie eine „Welle“ für eine Anzahl von Menschen mit projezierten Ängsten.

Wie sehr uns Metaphern bestimmen können, haben Wissenschaftler in vielen Experimenten bestimmt. Die Psychologin Lera Boroditsky von der Stanford University beispielsweise legte Versuchtsteilnehmern zwei Versionen eines Textes vor, in welchem die problematische Kriminalität in der fiktiven Stadt Addison behandelt wurde. Die beiden Versionen unterschieden sich nur im ersten Satz: Einmal wurde die Kriminalität als „wildes Tier“ tituliert, einmal als „Virus“. Die Versuchsteilnehmer sollten nach dem Lesen Ideen entwickeln, wie der Kriminalität in dieser Stadt begegnet werden könnte.

Die Teilnehmer, denen Kriminalität als wildes Tier beschrieben wurde, schlugen einen stringenteres Vorgehen gegen die Kriminellen vor und wollten sie verfolgen, zu Gefängnisstrafen verurteilen und schärfere Gesetze erlassen. Die anderen, welchen Kriminalität als Virus beschrieben wurde, plädierten für einen sanfteren Weg und wollten die Ursachen der entwickelten Kriminalität erforschen, Armut bekämpfen und die Bildung verbessern.

 

Reflexion der eigenen Bilder

Allzu schnell erliegen wir heute den machtvollen Metaphern als Insturment der Beeinflussung. Nicht nur die Werbung bedient sich dieses Stilmittels, auch im täglichen Miteinander und besonders in öffentlichen Debatten begegnen uns Metaphern doch allzu oft als Instrument der Vereinfachung, besonders in einem populistischen Gebrauch.

Diese Vereinfachung, Zuspitzung und immer öfter falsche Darstellung von Sachverhalten schafftt ein Klassen- und Milieudenken, was kurzfristig dem Eigenen dient, nicht aber dem Ganzen. Nicht der Mehrheit einer Bevölkerung oder der Mehrheit einer Notwendigkeit. In unserer Zeit kommt die sachgemäße, natürliche Auseinandersetzung mit Dingen, Themen und Personen zu kurz. Die Verdichtung und Kompensierung unserer Zeit und unseres Zusammenlebens schafft Raum für falsche Tatsachen. So lässt man sich leicht zu einer Meinung, Haltung oder Aussage instrumentalisieren, die aber einer tieferen Betrachtung bedarf, bevor sie unseren Mund verlässt. Es ist hilfreich für die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung, Metaphern maßvoll zu nutzen und die eigenen Bilder zu reflektieren – und über die Bilder in den Austausch zu kommen.

Die Entwicklungsstufen des Menschen

Wie ein Baum wächst und reift der Mensch in all seinen Lebensjahren. Seine Erfahrungen kommen so Schicht um Schicht seinem Leben hinzu und unterstützen dabei, eine schützende Rinde um den Stamm zu legen.

Erik H. Erikson, deutsch-amerikanischer Psychoanlaytiker, hat ein Modell zur Entwicklung des Menschen definiert. Der Mensch wächst im Spannungsfeld von Ich-Entwicklung und Umwelteinflüssen, seine Reife entwickelt sich in jedem seiner Lebensabschnitte und greift dabei auf die Erfahrungen aus vorherigen zurück. Diese Entwicklungsstufen sind wie eine in sich abgeschlossene Krise zu sehen, mit einer Spannung zwischen einem förderlichen und hinderlichen Pol. Der Mensch entwickelt sich in dieser Bandbreite:

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