Christlicher Glaube und die Sache mit der Achtsamkeit

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In den letzten Jahrzehnten haben fernöstliche Betrachtungsweisen und spirituelle Strömungen einen wahren Boom in der “westlichen” Welt erlebt. Yoga ist uns allen seit vielen Jahren bekannt und gehört mittlerweile als Normalität zum Alltag. Für jeden interessierten Menschen ist es als private Übungsstunde oder offener Kurs erlebbar und als Ausbildung bei Privatlehrern oder an Ausbildungsinsitituten erlernbar. Buddhistische Lebens- und Betrachtungsweisen erfahren in unserer Kultur eine ebenso immer größere Beliebtheit. Viele uns begegnende Kalendersprüche, Alltagsweisheiten und Zitate finden ihren Ursprung bei buddhistischen Persönlichkeiten oder Vertretern des Buddhismus aus unserer Gesellschaft. Besuche des Dalai Lama aktivieren viele Menschen, Prominente und Politiker nehmen Termine mit ihm wahr und sind beeindruckt von seiner Haltung und ruhigen Präsenz.

 

Achtsamkeit und buddhistischer Ursprung

In den letzten Jahren ist das Konzept der “Achtsamkeit” populär geworden und hat bereits eine breite Basis nicht nur in der Psychologie und im Gesundheitssektor gefunden. Besonders rund um Stressbewältigung und Entspannung findet es Einzug im Alltag von Menschen, die sich durch Arbeit und Privtleben belastet fühlen und nach einem Ausgleich suchen. Viele Wirtschaftsunternehmen setzen vermehrt auf ein Gesundheitsmanagement mit den Schwerpunkten psychische und körperliche Gesundheitsförderung und Burnout-Prävention und haben so Kurse und Vorträge rund um Achtsamkeit in ihr Programm aufgenommen.

Achtsamkeit ist dabei nicht als Zusatz zum vermeintlich hektischen und belastenden Alltag zu sehen. Es geht nicht darum, im Beruf zu “funktionieren”, Höchstleistungen zu bringen und sich in der Mittagspause oder nach dem Feierabend 30 Minuten in einer besonderen Form der Stressbewältigung zu üben. Das würde, wie so viele andere Ansätze auch, nur Symptome lindern, nicht aber die Ursachen in den Fokus nehmen und den Menschen dazu veranlassen, wirklich genau hinzuschauen. Achtsamkeit ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Schritt für Schritt und im Zuge der eigenen Möglichkeiten in den täglichen Ablauf integriert werden sollte. Es ist eine innere Grundhaltung, die sich als basale Antwort auf die Einflüsse von außen versteht – eine innere Widerstandskraft, heute auch oft unter dem Begriff “Resilienz” diskutiert. Die Basis der Achtsamkeit sind eine aufmerksame, achtsame Grundhaltung gegenüber den Dingen, die in mir und außerhalb geschehen, eine Präsenz im Hier und Jetzt und ein nicht wertender Umgang mit den Dingen, die stattfinden.

Ein wesentlicher Bestandteil der populären Achtsamkeitspraxis ist dabei die Meditation. Im Westen hat sie besonders Jon Kabat-Zinn geprägt, der Bestandteile von Meditation und Yoga in seiner klinischen Arbeit an der von ihm gegründeten Stress Reduction Clinic in den USA seit den frühen 1980ern nutzt und so vielen psychisch und chronisch erkrankten Menschen helfen konnte.

Die Meditation, so auch hier im Kontext der Achtsamkeit, geht widerrum auf den Buddhismus zurück. Er beschreibt vier Grundlagen: Die Achtsamkeit auf den Körper, auf die Gefühle und Empfindungen, auf den Geist und Geistesobjekte. Achtsamkeit findet sich auch in einem der wesentlichen Elemente der Lehre des Buddhismus wieder, dem “Edlen Achtfachen Pfad”, der als grundlegende Geistes- und Lebenshaltung betrachtet werden kann.

 

Achtsamkeit und christliche Glaubenspraxis

So findet ein Konzept, welches man sicherlich als ein Konzept für eine Lebensgrundhaltung bezeichnen kann, Einzug in unsere westliche Kultur und Lebensweise. Dabei wird es im alltäglichen Gebrauch und in der primären Betrachtung mit fernöstlichen Lehren und Religionen in Verbindung gebracht.

Durch den in unserer Kultur vorherrschenden christlichen Glauben kennen wir andere Ansätze und eine andere Glaubenspraxis. Die in fernöstlichen Kulturen und Religionen verankerten Haltungen und sozialen Umgangsformen sind beispielhaft für eine andere Glaubenspraxis, die sich mehr durch eine intrinsische Betrachtung beschreiben lässt. Im Christentum kennen wir das Gebet als eine der persönlichsten Ausdrucksformen zwischen Gläubigem und Gott. Das wirklich stille Gebet kann sicherlich als eine der Meditation nahekommenden Form betrachtet werden, doch fehlt in der Glaubensausübung für den “Christen im Alltag” ein Bestandteil, der einem Mit-sich-befassen derart nahe kommt wie eine Meditation. In der eher dogmatischen Tradition des christlichen Glaubens war hierfür eher weniger Platz, wenngleich es auch viele Beispiele für eine individuelle, tiefergehende Glaubenspraxis gibt. Besonders seien hier Exerzitien genannt, Zeiten der persönlichen Hinwendung zu Gott außerhalb des Alltags. Oft werden diese von verschiedenen Glaubensbewegungen oder Ordensgemeinschaften in ihren Klöstern angeboten. Hier trifft man auch auf die Kontemplation, eines “Hinlauschens” oder “Hinspürens” auf Gott. Eine im allgemeinen Glaubensalltag sehr bekannte und sehr subjektiv erlebte Gelegenheit für ein “Hinspüren” zu Gott ist die Adventszeit vor Weihnachten und die Fastenzeit vor Ostern. Ihr Ursprung liegt im 40-tägigen Aufenthalt von Jesus in der Wüste, als er sich ganz seinem Vater hingewendet hat und den verschiedensten Versuchungen widerstanden hat. Diese Begegnung mit Gott können wir auf unsere heutige Zeit und die prädestinierten Phasen im Advent und in der Fastenzeit übertragen – auch wenn damit noch kein der Meditation ähnliches “Mittel” zur Verfügung steht, an jedem Tag im Jahr eine besondere Form der Begegnung im Glauben anwenden zu können. Das allgemein ausgeübte Gebet ist davon noch entfernt.

In der christlichen Tradition bleibt diese tiefe Begegnung mit Gott in Exerzititen, in Kontemplation und freier Begegnung mit Gott im Glaubensalltag aus. Sie wird praktiziert von Brüdern und Schwestern in Orden und Klöstern, die ihren Tag bewusst mit Gott ausrichten und neben gemeinsamen Gesprächen, Gebet und Gottesdiensten bewusst Zeit für sich haben, um diese tiefere Begegnung mit sich und mit Gott in sich zu erleben. Anselm Grün spricht hier beispielsweise sehr anschaulich von einem “heiligen Ort” in jedem von uns, der vom Heiligen Geist erfüllt wird, den ich in der bewussten Begegnung mit mir selbst und damit Gott erspüren und finden kann. Achtsamkeit sieht ebenso die Quelle für eine solche Grundhaltung aus jedem Menschen kommend – als intrinsische Quelle für eine Ruhe und Gelassenheit, die hilft, die Belastungen des Alltags mit einer gesunden Distanz schaffen zu können.

Die Kirche, die Vertreter des christlichen Glaubens und natürlich die Gläubigen selbst sollten eine Antwort darauf finden, was die Haltung der Achtsamkeit und besonders die populär gewordene Glaubenshaltung des Buddhismus für sie bedeuten kann. Die Ansätze, Riten und die theologischen Antworten auf Fragen des Lebens gibt es im christlichen Glauben ebenso – die Vermittlung, Kommunikation und der Transfer in den Glaubensalltag dürfen aber etwas aufgefrischt werden.

 

Nehmen Sie sich 1 Stunde Zeit und schauen Sie sich die “Sternstunde Philosophie” des SRF mit einem anregenden Gespräch mit Jon Kabat-Zinn über Achtsamkeit an.

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