Ein Brief an Thomas Middelhoff

Thomas Middelhoff
JVA Bielefeld-Senne
Senner Straße 250
33659 Bielefeld

17. September 2017

Lieber Herr Middelhoff,

ich kenne Sie nicht. Zumindest nicht so, als das ich mir ein tieferes Bild von Ihnen machen könnte. Für ein umfassendes Bild müsste ich Sie persönlich kennen. Ein tieferes Bild könnte ich mir bereits machen, wenn ich Ihr Buch lesen würde. Das habe ich sicherlich noch vor. Ihr Auftritt bei 3 nach 9 hat mich angeregt, Ihnen einige Zeilen mitzuteilen – und damit nicht zu warten.

Natürlich mache ich mir ein Bild von Ihnen. So wie viele Menschen sich ein Bild von Ihnen machen. Doch unterstelle ich mir eine möglichst neutrale Perspektive einnehmen zu können. Ihr Auftritt war insofern hilfreich dafür, als dass Sie vielen anderen ermöglichen, ein breiteres Bild von Ihnen zu bekommen. So ein Auftritt ist sicherlich nicht einfach. Sie werden bestimmt nicht nur positive Reaktionen darauf erhalten. Gar wenn man in die Gesichter der anderen Gäste geschaut hat, war da ein Befremden Ihnen gegenüber zu erkennen. Vielleicht verstehen Sie einige Menschen nicht. Vielleicht sind wir Menschen auch mit Urteilen zu schnell und wenig bereit, diese zu verändern.

Ich gebe zu, einige Reaktionen oder Antworten von Ihnen hinterlassen auch bei mir noch eine geteilte Reaktion. Doch möchte ich Ihnen erst einmal meinen Respekt ausdrücken, dass Sie diesem Auftritt zugestimmt haben. Wie Giovanni di Lorenzo berichtete, war es schwer, Sie für diesen Auftritt zu gewinnen.

Nach der Sendung habe ich mir einige Bilder von Ihnen aus früheren Zeiten angeschaut. Nun, schlank waren Sie bereits immer. Doch hat man in der Sendung deutlich gesehen, welche Spuren die letzten Jahre in und an Ihnen hinterlassen haben. Zwar gibt es auch positive Veränderungen – doch die „Haftbedingungen“, wie Sie schildern, die psychischen und gesundheitlichen Belastungen sind deutlicher zu sehen.

Ich unterstelle Ihnen nicht, Sie wollten mit dem Auftritt ein anderes Bild von Ihnen in der Öffentlichkeit bewirken. Oder diese Sendung ausnutzen. Sie sagten selbst, Sie seien ein Narzisst gewesen – Spuren dessen bleiben sicherlich immer. Ich glaube Ihnen, dass Sie sehr verändert sind – und verändert wurden. Ich glaube Ihnen, als Sie beschrieben haben, welche Bedeutung der Dank und die Wertschätzung eines Menschen mit Behinderung für Sie haben. Oder wenn Sie mit dem Fahrrad vom Gefängnis zur Stiftung Bethel fahren und die Natur am Wegesrand erleben. Ich glaube Ihnen, dass Sie eine tiefere Veränderung durchlebt haben und durchleben. Sicherlich waren und sind einige Dinge für Sie auch traumatisierend. Ebenso gibt es jedoch auch eine gegensätzliche Position, gar Unverständnis und Häme für Sie. Etwas plakativ empfand ich die Anspielung von di Lorenzo auf Ihre Yacht, welche monatlich 70.000 Euro Miete kostete – was gar ein jährliches Einkommen für zwei oder auch drei Mitarbeiterinnen im Einzelhandel – auch bei Karstadt – bedeuten kann.

So haben Sie diese Zuspitzung auch gut be- und umschrieben: In der öffentlichen Debatte werden „die“ Manager „da oben“ als gierig, arrogant und auch narzisstisch beschrieben. Sie wollen sich nur bereichern. Für „die“, „da unten“, bleibt nichts übrig.

Ich kann Ihre geschilderten Fakten nicht überprüfen – das ist auch nicht mein Anliegen. Dafür gibt es nicht zuletzt Gerichte. Ich habe Ihnen meinen Respekt ausgesprochen und möchte Ihnen als zweites noch meine Achtung dafür aussprechen, dass Sie sich auf Gott berufen haben. Sie fragten und fragen sich, was Gott Ihnen mit den Geschehnissen sagen möchte. Sie haben einige Antworten für sich darauf gefunden.

Da mag eine Frage im Raum stehen: Wie kann sich ein bekennender Christ so verhalten? Will er sich jetzt gar als Opfer stilisieren? Nun, das vermute ich nicht. Auch diese „Wandlung“ – um bei einem wirklichen christlichen Wert zu bleiben – glaube ich.

Mir bleibt, Ihnen viel Kraft und Gesundheit zu wünschen. Das Sie auf dem richtigen Weg bleiben und das es weiter Menschen für Sie geben mag, welche Sie als Persönlichkeit sehen, mit all ihren positiven wie auch negativen Seiten.

Ich schreibe diese Zeilen und bin mir unsicher, ob ich eine Antwort erwarten sollte oder darf. Doch würde sie mich sehr interessieren. Auch, um Sie besser kennenzulernen. Um diesen Weg zu vereinfachen, füge ich bescheiden einen frankierten Umschlag bei.

Ihnen alles Gute.

Wie denken Sie dazu? Wie sind Ihre Erfahrungen?

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