Sinnvolle Ästhetik: Sinnliche Erfahrungen deuten

17-09-23-3-Pixabay-Rose-dunkel

Im alltäglichen Sprachgebrauch verwenden wir die Bezeichnungen, etwas sei „ästhetisch“ oder „schön“, zumeist synonym. Dabei beschreibt die „Ästhetik“ auch über lange Zeit hinweg die Lehre von der wahrnehmbaren Schönheit. Vor allem in der Natur und Kunst sprechen wir von Ästhetik, wenn wir etwas als schön und ansprechend empfinden.

Doch geht die originäre Bedeutung des Begriffes Ästhetik noch weiter. Aus dem Griechischen meint Ästhetik die Lehre von der Wahrnehmung und dem sinnlichen Anschauen. Mit unseren Sinnen nehmen wir unsere Umwelt wahr: Zumeist sehen, hören und riechen wir sie. Für ein tieferes empfinden können wir sie auch fühlen und schmecken. Wenn wir sie durch Berührung fühlen und Verkostung schmecken, so sind wir in unserer Wahrnehmung schon einen Schritt weiter: Wenn uns eine Speise durch Betrachtung und Geruch schon anspricht, so ist der Geschmack unsere letzte Prüfung welche sie bestehen muss, bevor sie es würdig ist, in uns aufgenommen zu werden.

Speisen können so zu einer sinnlichen Erfahrung werden. Wir nehmen etwas sinnlich wahr und erachten es als sinnvoll, also in Resonanz zu unserer Intention oder Motivation. Die Ästhetik mag zu einer „Lehre des Schönen“ gekommen sein, da der Mensch sich auf das Schöne zu fokussieren vermag. Doch gehen wir einen Schritt vor: Die Wahrnehmung mit allen Sinnen beinhaltet die Wahrnehmung aller Dinge, auch Dinge, die wir als nicht schön empfinden. Vielleicht sind sie für uns hässlich oder fürchterlich? Schulen wir unsere Achtsamkeit: Unsere Sinne nehmen etwas auf. Welche Empfindungen regen sich? Was vermittelt unser Körper?

Wie empfinden wir den Geruch einer Speise? Ist sie „ungenießbar“? Wie empfinden wir die Betrachtung eines Tieres? Ist es hässlich oder eklig? Wie empfinden wir unsere Mitmenschen? Mit welchem Sinn nehmen wir sie besonders wahr? Sehen wir eine gute Figur, oder hören wir eine ansprechende Stimme?

Welche Reaktion löst unsere Wahrnehmung aus? Seien wir in mancher Hinsicht vielleicht besser achtsamer? Erfahrungen können uns prägen: Wir sehen oder hören etwas, mit welchem wir vergangen schlechte Erfahrungen gemacht haben. So wird eine aktuelle Erfahrung auch als negativ bewertet, da uns unser Körper schützen will. Doch ist dem wirklich so? Nicht nur Objekte oder Gerüche können ästhetisch betrachtet werden. Auch Meinungen, Haltungen und Gedanken können wir sinnlich „anschauen“. Als neutraler Beobachter unserer Selbst sehen wir tatsächlich auf unsere innere Welt und nehmen wahr, welche Prozesse dort eine Wahrnehmung auslösen.

Der Volksmund sagt uns, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Wir wissen nun, dass Schönheit ungleich Ästhetik ist. Sie ist ein Teil davon. So liegt auch Ästhetik im Auge des Betrachters: Wir empfinden, erforschen und entscheiden selbst, was für uns schön oder hässlich, ansprechend oder abstoßend ist.

Jedem Menschen ist etwas gemein: So empfinden wir kindliche Gesichtszüge in allen Kulturen gleich, auch der Goldene Schnitt ist generell anzuwenden. Kann man Ästhetik, hier v.a. die den Menschen ansprechende Schönheit, kategorisieren? Der indische Neurologe Vilayanur Ramachandran (*1951) entwickelte die „Zehn Gebote der Schönheit“: Übertreibung (bei intensiven Farben oder Karikaturen), Gruppierung von Objekten, Kontraste, Isolation, Aha-Effekt (Rätsellösen beim Bilderdeuten), Symmetrie, Perspektive, Wiederholung, Balance und Metapher.

Evolutionspsychologen gehen davon aus, dass die Konzentration auf die Schönheit seit jeher unser Überleben gesichert hat: Nur „schönes“, genießbares und eben nährstoffreiches Essen fördert unsere Gesundheit. Für die Fortpflanzung sucht sich der Mensch u. a. einen gesunden, attraktiven Partner, das wird mit „Survival of the Fittest“ wissenschaftlich beschrieben.

Ästhetik hat immer auch eine philosophische Komponente. Für Immanuel Kant ist ein Aspekt: “Das Wohlgefallen am Schönen muss von der Reflexion über den Gegenstand abhängen; und unterscheidet sich dadurch auch vom Angenehmen, welches ganz auf der Empfindung beruht”, so Kant in seiner 1790 erschienen „Kritik der Urteilskraft“. Diese Reflexion ist der achtsame Umgang mit der Wahrnehmung: Aus der sinnlichen Wahrnehmung konstruieren wir eine für uns sinnvolle Bedeutung

Die aus den Sinnen entwickelte sinnvolle Bedeutung ist eine Verwertung. Ihr wurde ein Wert zugeführt. Mit diesem Wert geben wir der ästhetischen Erfahrung einen Stellenwert, einen neuen Erfahrungswert, auch einen Vergleichswert.

Ästhetik ist das alles Wahrnehmbare. Nicht nur Schönheit. Vielleicht ermöglicht uns die Bedeutungskonstruktion eine Unterscheidung dazu, ob eine für uns als nicht schön empfundene Sache für sich oder für andere eine schöne Bedeutung hat. Aus dem Auge des anderen Betrachters.

Wie denken Sie dazu? Wie sind Ihre Erfahrungen?

Benachrichtigungen für:
avatar
wpDiscuz