Achtsamkeit und christliche Glaubenspraxis

In den letzten Jahren ist das Konzept der „Achtsamkeit“ populär geworden und hat bereits eine breite Basis nicht nur in der Psychologie und im Gesundheitssektor gefunden. Besonders rund um Stressbewältigung und Entspannung findet es Einzug im Alltag von Menschen, die sich durch Arbeit und Privtleben belastet fühlen und nach einem Ausgleich suchen. Viele Wirtschaftsunternehmen setzen vermehrt auf ein Gesundheitsmanagement mit den Schwerpunkten psychische und körperliche Gesundheitsförderung und Burnout-Prävention und haben so Kurse und Vorträge rund um Achtsamkeit in ihr Programm aufgenommen.

Achtsamkeit ist dabei nicht als Zusatz zum vermeintlich hektischen und belastenden Alltag zu sehen. Es geht nicht darum, im Beruf zu „funktionieren“, Höchstleistungen zu bringen und sich in der Mittagspause oder nach dem Feierabend 30 Minuten in einer besonderen Form der Stressbewältigung zu üben. Das würde, wie so viele andere Ansätze auch, nur Symptome lindern, nicht aber die Ursachen in den Fokus nehmen und den Menschen dazu veranlassen, wirklich genau hinzuschauen. Achtsamkeit ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Schritt für Schritt und im Zuge der eigenen Möglichkeiten in den täglichen Ablauf integriert werden sollte. Es ist eine innere Grundhaltung, die sich als basale Antwort auf die Einflüsse von außen versteht – ein Teil einer inneren Widerstandskraft, übergreifend unter dem Konzept der Resilienz diskutiert. Die Basis der Achtsamkeit sind eine aufmerksame, achtsame Grundhaltung gegenüber den Dingen, die in mir und außerhalb geschehen, eine Präsenz im Hier und Jetzt und ein nicht wertender Umgang mit den Dingen, die stattfinden.

Ein wesentlicher Bestandteil der populären Achtsamkeitspraxis ist dabei die Meditation. In westlichen Ländern hat sie besonders Jon Kabat-Zinn geprägt, der Bestandteile von Meditation und Yoga in seiner klinischen Arbeit an der von ihm gegründeten Stress Reduction Clinic in den USA seit den frühen 1980ern nutzt und so vielen psychisch und chronisch erkrankten Menschen helfen konnte.

Die Meditation, so auch hier im Kontext der Achtsamkeit, geht widerrum auf den Buddhismus zurück. Er beschreibt vier Grundlagen: Die Achtsamkeit auf den Körper, auf die Gefühle und Empfindungen, auf den Geist und Geistesobjekte. Achtsamkeit findet sich auch in einem der wesentlichen Elemente der Lehre des Buddhismus wieder, dem „Edlen Achtfachen Pfad“, der als grundlegende Geistes- und Lebenshaltung betrachtet werden kann.

 

Achtsamkeit und christliche Glaubenspraxis

So findet ein Konzept, welches man sicherlich als ein Konzept für eine Lebensgrundhaltung bezeichnen kann, Einzug in unsere westliche Kultur und Lebensweise. Dabei wird es im alltäglichen Gebrauch und in der primären Betrachtung mit fernöstlichen Lehren und Religionen in Verbindung gebracht.

Durch den in unserer Kultur vorherrschenden christlichen Glauben kennen wir andere Ansätze und eine andere Glaubenspraxis. Während in fernöstlichen Kulturen und Religionen uns eher intrinsisch motivierte Haltungen und Handlungen im religiösen Alltag begegnen, so ist dies in der christlichen Praxis eher Frauen und Männern in Klöstern zugeschrieben. Im Christentum kennen wir das Gebet als eine der persönlichsten Ausdrucksformen zwischen Gläubigem und Gott. Das wirklich stille Gebet kann sicherlich als eine der Meditation nahekommenden Form betrachtet werden, doch fehlt in der Glaubensausübung für den „Christen im Alltag“ ein Bestandteil, der einem „Mit sich befassen“ derart nahe kommt wie eine Meditation. In der eher dogmatischen Tradition des christlichen Glaubens war hierfür eher weniger Platz, wenngleich es auch viele Beispiele für eine individuelle, tiefergehende Glaubenspraxis gibt. Besonders seien hier Exerzitien genannt, Zeiten der persönlichen Hinwendung zu Gott außerhalb des Alltags. Oft werden diese von verschiedenen Glaubensbewegungen oder Ordensgemeinschaften in ihren Klöstern angeboten. Hier trifft man auch auf die Kontemplation, eines „Hinlauschens“ oder „Hinspürens“ auf Gott. Eine im allgemeinen Glaubensalltag sehr bekannte und sehr subjektiv erlebte Gelegenheit für ein „Hinspüren“ zu Gott ist die Adventszeit vor Weihnachten und die Fastenzeit vor Ostern. Ihr Ursprung liegt im 40-tägigen Aufenthalt von Jesus in der Wüste, als er sich ganz seinem Vater hingewendet hat und den verschiedensten Versuchungen widerstanden hat. Diese Begegnung könnten wir gut auf unsere heutige Zeit und die Wochen im Advent und in der Fastenzeit übertragen – doch bedarf es dabei mehr als einer Andacht mehr, den Besuch eines Krippenweges oder des Adventskonzerts. Es braucht vor allem Stille. Doch scheint die tiefgehende Begegnung zwischen Mensch und Gott auch in diesen Wochen nur wenigen Menschen vorbehalten.

In der christlichen Tradition bleibt die tiefe Begegnung mit Gott in Exerzititen, in Kontemplation und freier Begegnung mit Gott im allgemeinen Glaubensalltag aus. Sie wird sichtbar praktiziert von Brüdern und Schwestern in Orden und Klöstern, die ihren Tag bewusst mit und auf Gott ausrichten und neben gemeinsamen Gesprächen, Gebet und Gottesdiensten bewusst Zeit für sich haben, um diese tiefere Begegnung mit sich und mit Gott in sich zu erleben. Anselm Grün spricht hier beispielsweise sehr anschaulich von einem „heiligen Ort“ in jedem von uns, der vom Heiligen Geist erfüllt wird, den ich in der bewussten Begegnung mit mir selbst und damit Gott erspüren und finden kann. Achtsamkeit sieht ebenso die Quelle für eine solche Grundhaltung aus jedem Menschen kommend – als intrinsische Quelle für eine Ruhe und Gelassenheit, die hilft, die Belastungen des Alltags mit einer gesunden Blick betrachten zu können.

Es ist Aufgabe der Kirche, ihrer berufenen Vertreter und natürlich der Gläubigen selbst, eine Antwort darauf zu finden, was der Einzug der Achtsamkeit und insbesondere deren Verbindung mit anderen Religionen wie dem Buddhismus für sie bedeuten kann. Die Ansätze, Riten und die theologischen Antworten auf Fragen des Lebens gibt es im christlichen Glauben genügend – die Vermittlung, Kommunikation und der Transfer in den Glaubensalltag dürften aber etwas aufgefrischt werden.

 

Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit und schauen Sie sich die „Sternstunde Philosophie“ des SRF mit einem anregenden Gespräch mit Jon Kabat-Zinn über Achtsamkeit an.

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtigungen für: