Arbeit als sinnstiftende Ressource für den Menschen

In unserer Gesellschaft sind die Bedingungen für die Menschen, einer sinn- und wertstiftenden Arbeit nachgehen zu können, so gut wie nie. Vielleicht auf den ersten Blick? In Deutschland sind so viele Menschen in Arbeit wie nie zuvor, es gibt unzählige Möglichkeiten, sich beruflich zu verändern und zu qualifizieren. Es ist heute kein Problem mehr, sich gänzlich neu zu orientieren und Arbeitgeber möglichst nach den eigenen Vorstellungen auszusuchen. Neue Managementmodelle verheißen eine wertvollere Gestaltung unserer Arbeitswelt.

Andererseits steht die Arbeitswelt vor Veränderungen, die nach Meinung einiger Studien die gravierendsten Veränderungen seit der industriellen Revolution bedeuten. Viele Arbeitsverhältnisse, auch in früher sicheren Bereichen, sind weitestgehend befristet und bieten auch qualifizierten Arbeitnehmern keine ausreichende Sicherheit mehr. Branchen geraten aufgrund nicht nachhaltiger Entscheidungen in kritische Verwerfungen, die zu existenziellen Problemen für die Arbeitnehmer führen. Immer wieder ist zu hören, dass sich Arbeitnehmer nicht mehr mit ihrem Arbeitgeber identifizieren können und psychische Erkrankungen mehr und mehr zunehmen.

Wie kann Arbeit dennoch als sinnvoll erachtet werden? Wenn die Tätigkeiten eines Büroangestellten dazu führen, dass der organisatorische Ablauf einer Bestellung erfolgreich ist, war sein Wirken sinnvoll. Wenn ein Programmierer sich darum kümmert, dass der Roboter ein Werkstück nach den Vorgaben fertigt, waren seine Einstellungen sinnvoll. Dennoch erleben wir eine „Entgrenzung“ von Arbeit.

 

Was ist „sinnvolle Arbeit“?

Nach einer Studie um Prof. Dr. Tatjana Schnell von der Uni Innsbruck bedingen vier Kernaspekte das, was man als individuell sinnvoll empfundene Arbeit definieren kann. Demnach tragen Kohärenz, Zielorientierung, Bedeutsamkeit und Zugehörigkeit zum Sinnempfinden bei:

  • Kohärenz kommt durch die Übereinstimmung des Arbeitnehmers mit der Rolle, die ihm durch die Arbeitstätigkeit zugeschrieben wird, zustande. Die Arbeit sollte also zur eigenen Persönlichkeit, den eigenen Haltungen und Zielen passen.
  • Für die Zielorientierung sind Werte und Normen des Unternehmens wichtig. Jede Organisation handelt nach bestimmten Werten, die durch das Management gelebt und vermittelt werden (sollten). Empfinden Arbeitnehmer eine Diskrepanz zwischen beschriebenen und tatsächlich gelebten Werten und Normen, ist ihr Sinnempfinden gestört.
  • Bedeutsamkeit bezieht sich auf die Konsequenzen, welche eigene Arbeitshandlungen haben. Was ist der größere Rahmen einer Tätigkeit? Erlebte Bedeutsamkeit mündet in eine erlebte Selbstwirksamkeit und geht einher mit Gefühlen von Autonomie und Kompetenz.
  • Zugehörigkeit, also ein Gefühl von positiv erlebter Gemeinschaft und Kultur, führt zu einer als sinnvoll erachteten Bindung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Diese beziehungsbezogenen Aspekte zeigen die Ebenen auf, in welchen ein Arbeitnehmer seine Tätigkeit als sinn- und wertvoll empfindet. Davor steht die subjektbezogene Motivation eines Arbeitnehmers, seiner Tätigkeit nachzugehen. So lassen sich zwei Motivationen unterscheiden: Einige Arbeitnehmer gehen einer Tätigkeit nach, nur um Geld zu verdienen, da sie dadurch ihre und die Existenz anderer sichern wollen (müssen). Andere Arbeitnehmer führen eine Tätigkeit aus, um sich auch im Arbeitsumfeld verwirklichen zu können. Ersteren werden die o. g. Aspekte weniger wichtiger sein als der letzteren Gruppe. Wenn in einer Organisation die Arbeit als „entgrenzt“ empfunden wird, so sind oft hohe Fluktuation, innere Kündigungen, Zynismus, schließlich auch Erschöpfung und Stresserleben unter den Arbeitnehmern zu finden. Sie ebnen den Weg zu einer beruflichen Sinnkrise. Die Gründe für eine solche Inkongruenz sind auf beiden Seiten – bei Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer – zu suchen: Ein übermäßiges Engagement des Arbeitnehmers, verbunden mit nicht realistischen Erwartungen an die Tätigkeit kann ebenso zu einer Inkongruenz führen wie eine vollmundig verkündete, aber nicht gelebte Unternehmenskultur.

 

Sinnvolle und sinnstiftende Arbeit

Während es für diejenigen, die einer Arbeit primär aufgrund einer notwendigen Existenzsicherung nachgehen, ausreichend ist, ihre Tätigkeit als sinn-voll zu empfinden, so ist es für die andere Gruppe wichtig, neben der sinn-vollen Ebene auch eine sinn-stiftende Ebene in der Arbeit zu finden: Das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Sicherlich ist eine sinn-leere in Arbeitsfeldern zu finden, in welchen dieser Bezug fehlt. In einer oftmals globalisierten, auf Effizienz und damit verbundener Profitorientierung Wirtschaft können die Werte eines Arbeitnehmers mit den erlebten Gegebenheiten korrelieren.

Eine als sinn-voll und sinn-stiftend empfundene Arbeit vereint sich in den Zielen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Aus dem Sinn und den Werten des Arbeitnehmers leiten sich seine Ziele als die praktische Ebene für seinen Beruf ab (bspw. Berufswahl, Engagement, Wahl des Arbeitgebers). Treffen sie sich mit den praktischen Zielen des Arbeitgebers (bspw. Stellenbeschreibung, Rahmenbedingungen, freiwillige Leistungen), so münden sie in einer fruchtbaren Beziehung für diese Tätigkeit.

Wie denken Sie dazu? Wie sind Ihre Erfahrungen?

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