I: Closion Heredad (4) | Roots and Reign – Hoffnung für eine Generation

Es klopfte an der Tür. Jamir zog seine beigen Schuhe an. Vom Türfenster aus konnte er den grinsenden Narit erkennen und den oberen Teil seines grünen Gewandes. Ein kraftvolles, auffallendes Grün, wie er zugleich feststellte.

Narit klopfte Jamir fest auf die linke Schulter. „Ich sehe, Du bist vorbereitet, mein lieber Jamir! So wird das gut.“ Jamir nickte und zwinkerte leicht. „Beeindruckend, Dein Gewand“, brachte Jamir seine Bewunderung zum Ausdruck. „Es macht wirklich etwas her und wirkt stark.“ „Danke, das ehrt mich. Jetzt, wo ich das Gewand tatsächlich zum Anlass trage, muss ich an all meine Familienmitglieder vor mir denken, die etwas ähnliches getragen haben. Und das macht mich schon ziemlich stolz“, gab Narit einen tieferen Einblick.

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I: Closion Heredad (3) | Roots and Reign – Hoffnung für eine Generation

„Was die beiden wohl von unseren Plänen halten werden?“ fragte Jamir mit zugleich lachender und nachdenklicher Stimme. „Wenn ich das wüsste!“ entgegnete Narit die Schultern zuckend. „Zumindest werden sie überrascht sein,“ konnte er dann lachend anfügen. Auch wenn Uluras und Aarena nicht am Fest zugegen sein sollten, wollten die beiden sie doch bald von ihren Plänen informieren. Wie auch Faione wollten sie einige Zeit nach Raion Urum gehen. Er hatte ihnen bereits Plätze in guten Arbeitsbereichen reservieren können. Ihre Bewerbungsverfahren wurden so etwas abgekürzt und an sich stand ihnen nichts mehr im Wege, nach dem Harukai für einige Zeit ihre Heimat zu verlassen. Beiden war dies eine Erfahrung – und nicht nur aus freundschaftlicher Sicht wichtig, es gemeinsam zu realisieren. Während Narit sich vorstellen konnte, doch auch längere Zeit weg zu bleiben, so sah Jamir das Vorhaben schon zeitlich begrenzt. Für ihn lag eine Familiengründung nicht mehr so weit weg wie für Narit.

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I: Closion Heredad (2) | Roots and Reign – Hoffnung für eine Generation

Es gab für die Osokur noch keine Anzeichen, wer hinter den Anschlägen steckte. Erst als in Delorem einige Bewohner von Petar Lib gefasst wurden, war der Hintergrund klar. Splittergruppen wollten an die Ressourcen der anderen Länder gelangen und die Osokur, die sich wenig verteidigen konnten, einschüchtern und zur Kooperation bewegen – zwingen. Für viele Osokur war das eine belastende und mit der Dauer auch zermürbende Erfahrung, kannten sie solche Formen von Gewalt doch nur aus der Erfahrung ihrer Vorfahren oder aus anderen Ländern. Schließlich waren es die Delorem, welche die Osokur beschützten und dabei unterstützten, wieder militärische und zivile Verteidigung aufzubauen. Gemeinsam konnten sie weitere Anschläge verhindern und mit den Petar Lib ein Abkommen aushandeln. Wieder zeigte sich die wohlwollende Haltung der Osokur: Während die Delorem die Attentäter und politische Verantwortliche rechtlich belangten, unterstützten die Osokur bei der Entwicklung einer sozialen und wirtschaftlichen Perspektive. Lange unterstützten sie Petar Lib ideell und materiell. Jetzt, fünf Jahre später, endete diese Unterstützung. Vor wenigen Wochen war sich die politische Führungen einig, dass die Petar Lib nun gänzlich auf eigenen Beinen stehen können – und mit den Osokur in ebenso belebende Beziehungen investieren können wie andere Länder.

 

Narit schaute den in Gedanken versunkenen Jamir an. „Was geht in Dir vor?“ – „Ich dachte an die Vergangenheit,“ entgegnete dieser. „Ja, die Vergangenheit. Wichtig, aber nicht gegenwärtig. Jamir, heute an diesem Feiertag geht es auch um die Zukunft. Wenn wir immer am gestern hängen, schaffen wir weniger im Morgen, mein lieber!“ „Da hast Du recht“, entgegnete Jamir. „Das Morgen bringt so viel hoffnungsvolles. Hoffnungsvolles, was wir im letzten Jahrzehnt etwas verloren haben. Es ist doch nicht so, dass ich nicht an die Zukunft denke. Ich finde nur wichtig, dass man sich seiner Vergangenheit bewusst ist. In Gedenken, aus Respekt und als eigene Herkunft. Wenn wir aus der Vergangenheit lernen, sie aber auch bewahren, dann können wir stärker in die Zukunft gehen. Und anderen eine Vorbild sein.“ Narit trank einen Schluck, umfasste sein Glas fester und schaute aus dem Fenster. „Ja, das wäre gut“, sagte auch er nun etwas nachdenklicher.

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I: Closion Heredad (1) | Roots and Reign – Hoffnung für eine Generation

I: Closion Heredad
 

„Der Erste vermag zu nicht zu sehen, was der Letzte wird erkennen.“
Buch der Sprüche, Harakon I., 912 n. Audis

 

Seine Zehen schauten wieder am Ende der Decke hervor. Ein Platz für den Schmetterling, der durch das offene Fenster herein geflogen war. Jamir blinzelte etwas, um sich an das Sonnenlicht zu gewöhnen. Es roch nach Frühling. Er atmete tief ein. Der Duft durchdrang seine Nase. Es kribbelte. Jamir war einfach einen Moment glücklich. Und jetzt gerade auch froh, dass er sich noch keine andere Decke ausgesucht hat. Zwar war sie für den Winter definitiv zu kalt. Doch jetzt, in dieser wundervollen Jahreszeit, spürte er die frischen Brisen von draußen auch an seinem Fuß.

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