Jedes Individuum prägt mit seinem Verhalten und Haltungen die Gemeinschaft und Gesellschaft, in welcher es lebt. So ist jede Gesellschaft ein Kollektiv vielfältiger Prägungen, Strömungen, Haltungen oder Milieus.

 

Gemeinsame Werte

Wird reflektiert, was und wie eine Gesellschaft definiert, was sie als ihre Basis versteht und was ihr zugschrieben wird, so sind Werte und darauf aufbauende Milieubildungen eine Möglichkeit für ihre Beschreibung.

Zwischen den eher individualistischen, also mehrheitlich „westlichen“, und kollektivistischen Kulturen gibt es Unterschiede. Bei letzterer spielt bspw. der Wert der untersten sozialen Einheit einer Gesellschaft, die Familie, eine größere Rolle als persönliche Entwicklung oder Verwirklichung. Bei individualistischen Kulturen begegnet uns ein umgekehrtes Bild: Der einzelne Mensch mit seinem Streben nach Selbstbestimmung steht im Mittelpunkt v. a. ökonomischer aber auch sozialer und politischer Bewegung.

In unserer westlichen Kultur sind diese individualistischen Werte stark ausgeprägt. Besonders durch die Aufklärung hat sich unsere Gemeinschaft und Gesellschaft entwickelt. Neben der Kultur hat die eigene Familie und mit ihr die engere soziale Prägung einen großen Einfluss auf unsere Werteentwicklung. Sie werden meist gar nicht diskutiert oder ausgesprochen – sie werden im Alltag gelebt. Viele Werte findet man in familiären Traditionen, Ritualen und Leitideen wieder.

 

Welche Werte sind uns aber gemein? Eine Antwort auf diese Frage hat besonders Shalom Schwartz, ein israelischer Soziologe, geprägt. Er hat Werte definiert, die uns allen gleich sind, in ihrer Gewichtung aber unterschiedlich ausfallen. Er hat zehn Wertekategorien erarbeitet:

  • Selbstausrichtung: Das unabhängiges Denken und Handeln einer Person
  • Stimulation: Das Streben nach Abwechslung, Vielfalt und Aktivierung der Sinne
  • Hedonismus: Die Freude an positiven, nachhaltigen Sinneserfahrungen
  • Erfolg: Der persönliche Erfolg, den man durch Selbstwirksamkeit erfährt
  • Macht: Der eigene soziale Status und dadurch verfügbare Macht
  • Sicherheit: Die Stabilität des sozialen Umfeldes und Beziehungen
  • Konformität: Das Streben, nach einem sozialen Rahmen zu handeln
  • Tradition: Die Verpflichtung, kulturelle und gesellschaftliche Rituale zu pflegen und Identität zu wahren
  • Güte: Das Wohlergehen anderer fördern, altruistisch handeln
  • Universalismus: Respekt und Toleranz gegenüber anderen Menschen und der Natur

Sofern diese Werte in jeder Gemeinschaft und Gesellschaft gleich sind, so lebt sie jeder Mensch doch durch sein Verhalten und seine Haltungen unterschiedlich aus. Erfolg kann für den einen ich-zentrierter materieller Wohlstand sein. Für den altruistisch geprägten Menschen bedeutet Erfolg womöglich, die Idee zur Verbesserung eines gesellschaftlichen Missstandes umsetzen zu können. Macht kann für den einen das Ausüben von Autorität bedeuten, für den anderen das Erreichen eines gemeinsamens Zieles mit einem achtvollen Umgang auf Augenhöhe.

 

Gesellschaftlicher Rahmen

Jede Ausgestaltung eines gesellschaftlichen Zusammenlebens bedingt einen Rahmen. Jede kleinste gemeinschaftliche Einheit, bspw. die Familie, kann sich ihre inneren Regeln und Motive selbst entwickeln, welche sie für sich als sinnvoll und hilfreich erachtet. Bilden sich mehrere kleine Einheiten zu einer Gemeinschaft, z. B. als Nachbarschaft, übertragen sich die Regeln der kleinsten Einheit auf die nächst höhere Ebene und müssen mit ausgehandelt werden. Dabei bilden sich weitere Kompromisse, wenn auch schon komplexer. So gestaltet sich der Aushandlungsprozess auf jeder Ebene bis an die äußere Grenze einer Gemeinschaft, in unseren Formen gesellschaftlicher und kultureller Strukturen vorerst als Nationalstaaten.

Der Mensch als soziales Wesen muss in einer Gemeinschaft seinen Weg von Individualität und Kooperation finden. Die Freiheit des Menschen ist somit ein Spannungsfeld zwischen dem Streben nach Eigenständigkeit und der Aushandlung gesellschaftlicher Prozesse. Für den Menschen ist diese Freiheit ein hohes Gut. Damit ist nicht nur die sich zuerst entwickelte physische Freiheit gemeint, sich frei bewegen zu können, sondern besonders die geistige Freiheit: Die Freiheit, sich indviduell frei und selbstbestimmt entwickeln zu können, Persönlichkeit zu entfalten und somit eine Selbstwirksamkeit zu erfahren.

 

In theoretischen Überlegungen zur gesellschaftlichen Organisation hat sich im Laufe der Geschichte der Liberalismus als eine der Ideen entwickelt, welche diesen Aushandlungsprozess zwischen Individualität als Selbstverwirklichung und Kooperation im Staat am besten abzubilden vermag. Geprägt von der Idee der Freiheit soll dem Individuum der größtmögliche Gestaltungsraum ermöglicht werden, um sich selbst zu entfalten. Staatliche Institutionen als Ergebnis einer Aushandlung für die Kooperationsprozesse der Individuen untereinander werden dabei verstanden als Akteure, welche die Freiheit der Individuen zu schützen haben.

In der liberalistischen Theorie wird der gesellschaftliche Aushandlungsprozess als „Checks and Balances“ bezeichnet, wobei dieser im politischen Sinne mehr als Aufrechterhaltung der Gewaltenteilung zu verstehen ist. Dieses Prinzip formuliert nicht nur die Trennung einzelner staatlicher Organe, es gibt ihnen auch Optionen an die Hand, eigene Interessen gegen andere Akteure zu behaupten. Im Liberalismus finden sich auch die ersten Gedanken des Subsidiaritätsprinzips, nach welchem zuerst das Individuum für die Ausgestaltung seiner Existenz verantwortlich ist und die Schaffung weiterer Möglichkeiten seiner Initiative – also seiner Eigenverantwortung – unterliegen. Erst da, wo die Ressourcen des Einzelnen nicht ausreichen, soll eine nächst höhere Instanz die notwendige Unterstützung verfügbar machen – oder im Sinne der liberalen Idee: dienen.

 

Verantwortung des Einzelnen

Neben dem als sinnvoll erachteten Leben sind Werte die Basis in jeder Lebensphase, auf welchen das Verhalten und Handeln des Menschen aufbaut. Werte, also individuelle Überzeugungen und Haltungen, sind dabei Kompass für alltägliches Handeln. Welche Werte sind individuell, aber auch gesellschaftlich wichtig? Was wird als wertvoll und erstrebenswert erachtet? Werte sind ein stabiles Fundament und ändern sich in den individuellen Lebensphasen nur wenig. Zu wissen, wie das eigene Verhalten, die eigenen Haltungen und Werte sind, verschafft eine Grundlage, ein „Rüstzeug“, mit welchem das Individuum für sich selbst die Antworten auf die verschiedenen kleinen und großen Fragen im Leben finden kann, sich aber auch im Aushandlungsprozess der Gesellschaft zu orientieren und positionieren vermag.

Neben der Betrachtung von Werten als moralische und ethische Grundlage ist mit ihnen auch eine qualitative Ebene verbunden: Ein Mensch kann sich in einem Umstand befinden, unter welchem er Leid empfindet. Diesen auszuhalten kann als sinnvoll erscheinen, da der Rahmen noch nicht oder gar nicht geändert werden kann. Damit ist der Mensch jedoch nicht gänzlich in der Möglichkeit, sich eigenverantwortlich zu entfalten und selbstbestimmt zu handeln. Der Umstand ist damit nicht wertvoll für den Menschen – erst mit der Befreiung aus oder durch die äußeren Umstände erhält der Mensch eine für ihn qualitativ wertvolle Existenz.

 

Bewertung der Umstände

Jeder Mensch wird in andere Umstände hineingeboren und sozialisiert – jede Familie bietet andere Ressourcen an, die nicht für jeden eine möglichst freie Entwicklung bedeuten mögen. In der Aufklärung entwickelte Kant auf die Frage nach der wertvollen Existenz und derer „gerechten“ Verteilung eine mögliche Antwort: Demnach ist die Entwicklung der Welt zufällig und nicht als Prozess einer Leistung zu sehen. Die Umstände, in denen sich der Mensch befindet, müssten immer anhand der Umstände beurteilt werden, in denen er sich, wenn es der Zufall nicht anders bestimmt hätte, befinden könnte.

 

In der Existenzphilosophie Viktor Frankls kommt den Einstellungswerten eine Schlüsselrolle zu: Durch sie ist der Mensch geprägt, wie er Erlebnisse interpretiert und damit seine Werterfahrungen manifestiert. Die Einstelungswerte bestimmen die Haltung des Menschen zu dne Umständen seines Lebens. Dieser Interpretationsspielraum ist Grundlage für Aktion des Menschen und damit seiner aktiven Lebensgestaltung, zugleich auch Grundlage für seine Reaktionen und damit passiven Begegnung auf Ereignisse: Ist der Mensch eher optimistisch oder pessimistisch, vergangenheits- oder zukunftsorientiert, sieht er sich frei für etwas oder abhängig von etwas?

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