I: Closion Heredad (2) | Roots and Reign – Hoffnung für eine Generation

Es gab für die Osokur noch keine Anzeichen, wer hinter den Anschlägen steckte. Erst als in Delorem einige Bewohner von Petar Lib gefasst wurden, war der Hintergrund klar. Splittergruppen wollten an die Ressourcen der anderen Länder gelangen und die Osokur, die sich wenig verteidigen konnten, einschüchtern und zur Kooperation bewegen – zwingen. Für viele Osokur war das eine belastende und mit der Dauer auch zermürbende Erfahrung, kannten sie solche Formen von Gewalt doch nur aus der Erfahrung ihrer Vorfahren oder aus anderen Ländern. Schließlich waren es die Delorem, welche die Osokur beschützten und dabei unterstützten, wieder militärische und zivile Verteidigung aufzubauen. Gemeinsam konnten sie weitere Anschläge verhindern und mit den Petar Lib ein Abkommen aushandeln. Wieder zeigte sich die wohlwollende Haltung der Osokur: Während die Delorem die Attentäter und politische Verantwortliche rechtlich belangten, unterstützten die Osokur bei der Entwicklung einer sozialen und wirtschaftlichen Perspektive. Lange unterstützten sie Petar Lib ideell und materiell. Jetzt, fünf Jahre später, endete diese Unterstützung. Vor wenigen Wochen war sich die politische Führungen einig, dass die Petar Lib nun gänzlich auf eigenen Beinen stehen können – und mit den Osokur in ebenso belebende Beziehungen investieren können wie andere Länder.

 

Narit schaute den in Gedanken versunkenen Jamir an. „Was geht in Dir vor?“ – „Ich dachte an die Vergangenheit,“ entgegnete dieser. „Ja, die Vergangenheit. Wichtig, aber nicht gegenwärtig. Jamir, heute an diesem Feiertag geht es auch um die Zukunft. Wenn wir immer am gestern hängen, schaffen wir weniger im Morgen, mein lieber!“ „Da hast Du recht“, entgegnete Jamir. „Das Morgen bringt so viel hoffnungsvolles. Hoffnungsvolles, was wir im letzten Jahrzehnt etwas verloren haben. Es ist doch nicht so, dass ich nicht an die Zukunft denke. Ich finde nur wichtig, dass man sich seiner Vergangenheit bewusst ist. In Gedenken, aus Respekt und als eigene Herkunft. Wenn wir aus der Vergangenheit lernen, sie aber auch bewahren, dann können wir stärker in die Zukunft gehen. Und anderen eine Vorbild sein.“ Narit trank einen Schluck, umfasste sein Glas fester und schaute aus dem Fenster. „Ja, das wäre gut“, sagte auch er nun etwas nachdenklicher.

„Was denkst Du, werden Uluras und Aarena später auch da sein?“ frage Jamir. „Da bin ich mir sicher. Kein fest ohne die beiden!“ sagte der sichtlich erfreute Narit. „Weiß Du noch, als mein großer Bruder die Zeremonie erlebt hat? Was haben wir für Pläne gemacht!“ Beide mussten lachen, dachten sie doch an die gleichen Geschichten. Jamir, Narit, Uluras und Aarena – eine Clique seit vielen Jahren. Jamir und Narit, die ältesten, Uluras, früher Nachbar von Narit und ein paar Jahre jünger. Jamir und Narit gingen in die gleiche Schulklasse, Uluras schloß sich ihnen an, da er Einzelkind war und schon früh eine gute Freundschaft zu seinem älteren Nachbarn entwickelte. Aarena, das Mädchen oder die junge Frau im Bunde, die sich besonders mit Jamir gut verstand, für Uluras manchmal wie eine große Schwester war und sicherlich auch oft der ausgleichende Pol zu den drei Jungs. Viel haben sie schon erlebt. Vor zwei Jahren waren sie erstmals zusammen längere Zeit unterwegs. Sie begleiteten Faione, Narits zwei Jahre älteren Bruder, als er sich nach seinem Harukai für einen längeren Aufenthalt in Raion Urum entschloss. Sie begleiteten ihn auf seiner Reise und brachen nach einer gemeinsamen Woche wieder in Richtung Heimat auf – mit einem „kleinen Abenteuerurlaub“, wie sie es nannten. Ein doch großzügiger Weg nach Osokur zurück führte sie durch Tetalem, eines der schönstens Gebiete des Kontinents. Es war ein Nationalpark, in dem sich die drei Länder Osokur, Raion Urum und die Ausläufer von Geggen treffen. Neben einem prachtvollen Gebirge und viel Wiesen- Weidenland war das Gebiet insbesondere geprägt von einer reichhaltigen Seen- und Sumpflandschaft. Es war als Naturschutzgebiet touristisch erschlossen – und doch immer geheimnisvoll und nicht überfüllt geblieben. Besonders jüngere Menschen waren dort in Gruppen anzutreffen. Jüngere Menschen, die sich nach Natur und Ruhe, sicherlich auch nach Abenteuer sehnten. Besonders für viele Menschen aus Raion Urum war es ein Gegensatz, war ihr Land doch geprägt von großen Städten, die wenig Raum für Fauna und Flora ließen.

Die vier Freunde zelteten am Fuße des Borgonkir, mit rund 4.000 Metern der höchste Berg in Tetalem. Vor ihnen lag ein großer See, der so klar war, dass man die vielfältige Tierwelt gar nachts bei gutem Mondschein betrachten konnte. Sie versuchten sich erfolgreich im Klettern und genossen ihr Abenteuer. Viel sprachen sie auch über ihre Zukunft. Während Jamir und Narit kurz vor ihrem Harukai standen, war es für die beiden anderen noch etwas hin. Narits Bruder Faione war ihnen in diesen Tagen Vorbild, wenn es um Träume oder die Realität ging. Raion Urum war Faiones Wahl, da er als Beamter des Staates in der Entwicklungsarbeit tätig war und sich freiwillig für ein Projekt der Staaten Osokur und Raion Urum gemeldet hatte. In diesem von der Hauptstadt in Raion Urum geleiteten Projekt aus werden Dienst leistende in andere Länder entsandt, um dort beim Aufbau einer zivilen Gesellschaft zu unterstützen. Das Programm wurde nach den Geschehnissen mit den Petar Lib aufgebaut und konnte innerhalb weniger Jahre bereits große Erfolge vorweisen. Ziel war die Friedenssicherung. Die Osokur brachten ihren Schatz an politischer und sozialer Entwicklung mit, die Raion Urum als zuletzt prosperierende Region unterstützten in ökonomischer Hinsicht. Die Delorem, welche auch von den Petar Lib attackiert wurden, entwickelten parallel ein Programm für die Entwicklung von ziviler und militärischer Sicherheit. Wunsch – oder auch erstmal Traum – der jeweiligen Führungen war es, ein von allen Nationen getragenes, politisch legitimiertes Organ zu schaffen, was in der Zukunft die Zusammenarbeit aller Nationen koordinieren soll – in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Die Chancen standen gut.

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