I: Closion Heredad (3) | Roots and Reign – Hoffnung für eine Generation

„Was die beiden wohl von unseren Plänen halten werden?“ fragte Jamir mit zugleich lachender und nachdenklicher Stimme. „Wenn ich das wüsste!“ entgegnete Narit die Schultern zuckend. „Zumindest werden sie überrascht sein,“ konnte er dann lachend anfügen. Auch wenn Uluras und Aarena nicht am Fest zugegen sein sollten, wollten die beiden sie doch bald von ihren Plänen informieren. Wie auch Faione wollten sie einige Zeit nach Raion Urum gehen. Er hatte ihnen bereits Plätze in guten Arbeitsbereichen reservieren können. Ihre Bewerbungsverfahren wurden so etwas abgekürzt und an sich stand ihnen nichts mehr im Wege, nach dem Harukai für einige Zeit ihre Heimat zu verlassen. Beiden war dies eine Erfahrung – und nicht nur aus freundschaftlicher Sicht wichtig, es gemeinsam zu realisieren. Während Narit sich vorstellen konnte, doch auch längere Zeit weg zu bleiben, so sah Jamir das Vorhaben schon zeitlich begrenzt. Für ihn lag eine Familiengründung nicht mehr so weit weg wie für Narit.

Beide schauten sich an und wussten zugleich, dass sie ihren Weg gehen würden. Mit Faione hatten sie eine gute Unterstützung, die den Weg von Beginn an weniger beschwerlich machte. Das sie diese Chance nutzen mussten, war für beide von Beginn an klar.

 

Jamir schaute auf seine Uhr. Es war kurz nach Mittag. Die Feierlichkeiten beginnen erst gegen Abend. „Wie wir wohl in unserer Kleidung aussehen werden?“ fragte er Narit. „Na blendend, wie immer. Als ob diese alten Roben uns anders aussehen lassen! Lass‘ uns deine anschauen!“ forderte er Jamir auf. Beide gingen sie ins Schlafzimmer. Jamirs Gewand hing außen am Schrank: Ein Hemd und ein Umhang aus einem feinen Stoff. Das Hemd in dunkelrot mit in Gold schimmernden schmalen Streifen, der Kragen dezent in schwarz. Der Umhang wurde offen getragen. Er war im Grundton wie das Hemd, statt den goldenen Streifen waren breitere Streifen in einem helleren Rot ein Akzent. Der Umhang wurde offen getragen. „Wird super aussehen!“ sagte Narit und klopfte Jamir auf die Schulter. Er wusste, dass es nicht ganz ernst gemeint war.

Beim Harukai setzten die Bewohner von Osokur noch immer auf Tradition. So trugen alle Männer und Frauen einen Umhang oder ein Kleid in der Tradition des Volkes. Die Farben variierten zwischen rot, grün und gold. Jamir hatte sich für rot mit leichtem Zusatz von gold entschieden, da rot seit vielen Generationen als die Farbe der Kraft, des Aufbruchs und der Zukunft galt. Rot fand sich in vielen Lebensbereichen der Osokur, die damit auch immer ihren Fortschritt verbunden sahen. Das Gold stand für Glück und Wohlstand. Jamir wollte das in seinem Gewand zumindest etwas anklingen lassen.

„Ich muss mir keine Gedanken machen, dass Du besser aussehen könntest als ich“, flachste Narit weiter. „An meinem grün kommt keiner vorbei.“ Er hatte sich für eine Komposition aus verschiedenen Grüntönen entschieden, dominiert von einem dunkelgrün aus der Natur. „Mehr als langweiliges grün kannst Du aber auch nicht. Ich falle wenigstens ein bisschen auf!“ Beide lachten. Jamir spielte auf die Tradition in Narits Familie an, wonach seit bestehen des Rituals seine Familie grüne Gewänder trägt. Seine Vorfahren waren Angehörige des Renakh-Ordens. Das waren zu Beginn Ritter und hohe Gefolgsleute des Königshauses. Viele der Ritter gehörten zur Schutzgarde der Königsfamilie. Ihre Fahnen und Scherpen waren immer grün. Auch wenn es den Orden heute nicht mehr gibt, so hat sich auch diese Farbe in vielen Traditionen der Osokur ihren Platz bewahrt. Narit trägt ein Gewand mit dominierendem dunkelgrün, darauf abgesetzt sind etwas heller die Umrisse einer Byzanthie zu sehen. Die Byzanthie ist die heimliche „Nationalblume“ der Osokur und war früher Zeichen der königlichen Herrschaft. Auch wenn es in Narits Familie eine Tradition ist und damit auch mit Erwartungen verbunden, so hat sich Narit doch aus Überzeugung für die Gestaltung seines Gewandes entschieden.

„Also sehen wir uns später? Ich hole Dich ab“, fragte Narit. „Ja, bis später. Mach Dich fein!“ entgegnete Jamir. Narit stand bereits in der Diele, winkte nochmal kurz und ging zum Ausgang.

 

Jamir widmete sich wieder seinen Gedanken. Die Sonne erfüllte den Raum. Sein Blick schweifte wieder über die Pflanzenwelt vor seinem Fenster. Er konnte zwei Vögel hören. Sie mussten sich gerade in Richtung seines Nachbarn aufhalten. Es müssten zwei Meisen sein, war er sich sicher. So einen lieblichen Klang konnte kaum ein anderes Tier erzeugen. Wieder fühlte Jamir einfach eine Glückseligkeit. So wenig, und doch fühlte er sich reich. Er dachte an das Gold in seinem Gewand. Wohlstand, das war nicht nur materieller Reichtum, wie er vielleicht für die Bewohner von Raion Urun wichtiger war. Vielmehr war Wohlstand etwas inneres, eine Form von Dankbarkeit, vielleicht auch eine Haltung. Er war froh, dass seine Eltern so früher Vorbild waren. Leider konnten sie heute nicht bei ihm sein, da sie bei einem Anschlag der Petar Lib vor sieben Jahren ums Leben gekommen sind.

Er schaute auf einen der noch jungen Bäume vor seinem Fenster. Zwei hatte er damals in Gedenken an sie gepflanzt. Seither war er alleine, seither ist auch die Freundschaft mit Narit für ihn so wichtig geworden. Narits Eltern hatten ihn gut unterstützt. Jetzt steht er an einer wichtigen Schwelle in seinem Leben und hofft, bald selbst eine Familie gründen zu können.

 

Der Abend näherte sich. Spannung kam in Jamir auf, auch etwas Aufregung. War es doch nur eine ritualisierte Feier, welche bei den Osokur durchaus viele gepflegt wurden, so bedeutete die Feier für Jamir doch einen bedeutenden Schritt. Er würde als erwachsene Person gelten.

Er stand im Schlafzimmer vor einem großen Spiegel. Er trug eine helle Leinenhose, seinen Oberkörper hatte er bereits mit seinem Hemd bedeckt. Das Hemd dunkelrot mit in Gold schimmernden schmalen Streifen. Es sah gut aus. Er fühlte sich wohl. Würden sich seine Pläne erfüllen und er könnte in naher Zukunft eine Familie gründen, würde er wohl bei der vorher angedachten Hochzeit sich auch für eine solche Garderobe entscheiden. Er musste innerlich ein wenig zufrieden lächeln. Er war sich sicher, dieser Weg würde für ihn bereitet werden.

Der Uhrzeit nach müsste Narit in Kürze bei ihm sein. Gemeinsam wollten sie auf den zentralen Festplatz gehen, wo die Zeremonie und die Festivitäten stattfinden würden. Kein kleines, beschauliches Fest. Mehrere Tausend Osokur dürften auch wieder diesen Tag gemeinsam feiern, am Festplatz und in den angrenzenden Straßen.

Wie denken Sie dazu? Wie sind Ihre Erfahrungen?

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