I: Closion Heredad (5) | Roots and Reign

Jamir und Narit näherten sich aus einer kleinen Gasse heraus dem zentralen Platz. Musik war zu vernehmen. Aus einer Richtung vermengten sich traditionelle Lieder mit moderneren Klängen aus der anderen. Überlagert wurde die Musik von vielen Stimmen. „Das klingt nach Volksfeststimmung“, sagte Narit erfreut und wohl auch etwas hoffnungsvoll. Jamir versuchte, die traditionellen Lieder zu erkennen, hatte aber etwas Mühe dabei. Die Gasse endete. Am Durchgang stand eine Traube Menschen, an denen sie sich vorbeischlängelten. Sie staunten etwas: Mit so viel Besuchern hätten sie nicht gerechnet, obwohl der Festtag und die Zeremonie zu den wesentlichen Inhalten ihrer Kultur gehörten. Vielleicht rechneten sie aber auch deswegen mit weniger Besuch, weil sie an diesem Tag mit einigen anderen im Mittelpunkt stehen würden – uns sich insgeheim weniger Resonanz erhofft haben. Doch sollte es eben anders kommen.

Als beide die ersten Eindrücke eingefangen haben, schauten sie sich an. Auf Narits Gesicht lag ein erfreutes Lächeln. „Das wird definitiv ein Fest!“ brachte er seine Freude zum Ausdruck. „Narit, das wird unser Tag. Unter anderem. Es soll auch noch welche neben uns geben!“ entgegnete Jamir. Beide lachten.

Links am großen Platz, in Richtung des Einkaufs- und Vergnügungsviertels, stand eine große, überdache Bühne. Von dort kamen die traditionelle Musik, gespielt von einer sechsköpfigen Gruppe. Rechts war eine offene Bühne zu sehen, vor deren Front sich eine größere Menge Menschen drängte hat und eindeutig der Musik zugetan war. Jamir versuchte in Gedanken, die Anwesenden zu schätzen. Von anderen Veranstaltungen wusste er, dass der Festplatz Raum für gut 5.000 Menschen bietet. Es mussten aber noch mehr sein.

 

„Ich hoffe, wir finden Uluras und Aarena alsbald“, sagte Narit. „Ja, wir finden sie schon. Lass‘ uns aber erst einmal zur Einschreibung gehen,“ sagte Jamir und wollte Narit dabei fast am Arm ziehen, „damit wir unseren Pflichtteil für heute erfüllt haben“, lachte er ihn zwinkernd an. Beide gingen nach rechts in Richtung des Verwaltungszeltes. Während sie an normal gekleideten Osokur vorbeigingen, bemerkten sie die Blicke, die teilweise auf sie gerichtet wurden. Natürlich fielen sie auf – ihre der Zeremonie entsprechenden Kleidung signalisierte allen, dass auch die beiden jungen Männer heute im Mittelpunkt stehen und dem Hauptanlass wegen hier sind.

Kurz vor dem Verwaltungszelt sahen sie, dass sie unter ihresgleichen kommen. Es müssten um die 40 Männer und Frauen sein, die rituelle Kleidung trugen. Es war aber keine bunte Mischung, sondern vielmehr ein Reigen aus roten, grünen, goldenen und beigen Farbtönen. Gewänder, die dem Rot von Jamir oder Grün von Narit ähnelten, aber auch goldene und beige Farben dominierten die Menge. Jamir erblickte eine Frau aus seiner Nachbarschaft, die in einem goldschimmernden Kleid mit zwei anderen Frauen im Gespräch war. Ihre naturblonden langen Haare schienen fast mit dem Gold des Kleides zu verschmelzen. Drei, vier Personen daneben entdeckte er Hablit, einen ehemaligen Schulkameraden, der ähnlich wie Narit ein in Grün gemustertes Hemd und eine beige Hose trug.

Narit stieß Jamir locker mit dem Ellenbogen an und zeigte auf den Zelteingang, in welchem eine Menschenreihe stand. Beide stießen dazu und stellten sich hinten an. Ihre Papiere zur Einschreibung hatten sie dabei. Das waren der Aufruf der Meldebehörde, sich für das Harukai vormerken zu lassen, ihre Geburtsurkunde und ein Schreiben ihres zuständigen Quartiermeisters, welcher beide für die Zeremonie empfahl. Dieses Schreiben hatte eigentlich keine relevante Bedeutung mehr, zumal Jamir den aktuellen Quartiermeister nicht und Narit nur bedingt durch seine Eltern kannte. Es hatte mehr noch eine traditionelle Bedeutung aus einer Zeit her, als die früher bestehenden Ortsräte den jungen Männern und Frauen mit einer Empfehlung bescheinigten, dass diese „reif, willens und mündig sind, an der Zeremonie des Harukai teilzunehmen, in Würde und Demut die Privilegien des Harukai empfangen werden und der Tradition des Volkes nach handeln werden“, wie es in den Richtlinien zum Harukai noch immer geschrieben war – doch in der Realität nicht mehr ganz so konform ausgelegt wurde.

Sie kamen in der Reihe voran und es wurden zwei Plätze für sie frei. Jamir fühlte sich etwas sonderbar, obwohl ihm alles bewusst war. Einerseits war der heutige Anlass für ihn innerlich ein großer Schritt. Andererseits war es auch einfach nur normal, nur eine Formalität, nur etwas, was hinter sich gebracht werden muss, bevor er dann weitere Schritte in seinem Leben gehen kann.

 

Nach der Einschreibung unterhielt sich Narit mit einem Bekannten, der auch unter den Anwärtern für das Harukai wartete. Jamir sah sich um, seine Augen erblickten noch einmal die blonde Frau, welche ihm vorher schon aufgefallen war. Sie war zierlich, hatte ein längliches Gesicht. Die dunklen Augen hoben sich von ihrer hellen Haut ab. Bei ihr standen mittlerweile eine ältere Frau und ein Mädchen, was auffällige Ähnlichkeit mit ihr hatte. Wahrscheinlich waren es ihre Mutter und eine jüngere Schwester. Die drei wirkten glücklich auf ihn.

Narit lockte ihn aus seinen Gedanken. „Komm, mein lieber, bevor Dein Blick gar nicht mehr von ihr wegkommt.“ Er hatte sie wohl doch etwas länger beobachtet.

Sie gingen vom Zelt weg in Richtung Mitte des Platzes. Sie wollten sich einen Überblick verschaffen und schauen, ob sie ihre Freunde finden. Sie kamen mehreren Verkaufsständen näher und Jamir kam ein Hungergefühl. Er hielt Narit fest und verwies auf einen Stand, an welchem Kosan auslag, ein weit verbreitetes Gericht mit einem Erzeugnis aus Kartoffeln und kleinen Fleischstückchen, überdeckt mit einer pikanten hellen Sauce. Narit nickte. Sein Ausdruck signalisierte Jamir, dass auch er gegen eine Stärkung nichts einzuwänden hätte. Beide entschieden sich für eine Portion Kosan de Toma, bei der Fleisch und Sauce intensiver gewürzt waren.

Sie liefen in der Menge das Kosan verzehrend vorsichtig weiter. Sie kamen der Bühne, auf welcher die traditionelle Musik spielte, etwas näher und konnten sehen, das ringsum bereits einige Arbeiter mit dem Aufbau für die Zeremonie beschäftigt waren. Später sollten sie dort oben stehen, die Masse an Besuchern sehen und den Worten von Amende Huru’ir lauschen, der Direktorin des Instituts für Gesellschaftsentwicklung, welche dieses Jahr die Zeremonie leiten sollte.

 

Sie kamen aus größerem Gedränge heraus an eine kleine Lichtung. Ihre Portionen waren fast aufgegessen. „Wie fühlst Du Dich?“ fragte Jamir. „Eigentlich gut. Aber etwas mulmig ist mir schon. Da konnte auch das leckere Kosan nicht helfen!“ schilderte ihm Narit. „Es ist doch etwas surreal. Ich muss an die Zeremonie für Faione denken, da war ich stolz und auch neidisch auf ihn, auf dieses ganze Spektakel und was das bedeutet. Und jetzt freue ich mich, wenn es auch für mich endlich losgehen kann!“ ergänzte er. Es ging ihm also ähnlich. Obwohl Narits Familie den Traditionen noch näher war, hatte es für Narit persönlich aber eine weniger intensive Bedeutung als für ihn. Vielleicht hat sich das aber auch nur so entwickelt, weil es für Narit normaler Bestandteil seines Lebens war, gewöhnlich also, für Jamir aber nicht – und er es deswegen bewusster erlebt. Nach dem Verlust seiner Eltern hatte er keine Bezugspersonen, welche ihm solche Dinge vorlebten.

„Schau mal da!“ rief Narit. Jamir drehte seinen Kopf. Narit winkte Uluras und Aarena zu, welche in ihre Richtung liefen.

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