I: Closion Heredad (6) | Roots and Reign

Sie umarmten sich. Uluras und Aarena war die Freude sichtlich anzumerken, die sie für beide empfanden. „Aufgeregt?“ fragte schmunzelnd Aarena in die Runde, wohl wissentlich, dass die Frage überflüssig war. Sie haben sich schon oft über Rituale und Bräuche der Osokur unterhalten, zuletzt natürlich über das Harukai. Ulruas und Aarena hatten es noch vor sich und blickten umso mehr interessiert und etwas erwartungsvoll auf Narit und Jamir.

„Wir haben noch etwas Zeit. Gegessen haben wir etwas und sicherlich wäre es eine gute Idee, wenn wir auf den heutigen Tag anstoßen!“, schlug Jamir vor. Sie schlängelten sich durch die Menge zu einem größeren Bereich mit Sitzgruppen. Während Uluras und Narit vier Plätze suchten, kümmerten sich Jamir und Aarena um die Getränke. „Wie fühlst Du Dich heute?“, fragte Aarena. „Gerade freue ich mich, dass Ihr hier seid“, lachte Jamir. „Und ich spüre mittlerweile, wie wichtig mir das heute alles ist“, fügte er an. „Ja, das glaube ich Dir“, schaute ihn Aarena etwas ernster an. „Ich kann mitfühlen, was es Dir bedeutet. Es hat für Dich nicht nur mit Erwachsen werden zu tun, es ist auch stark beeinflusst durch die Situation mit Deinen Eltern.“ Aarena verstand Jamir wie keine andere Person, unterhielten sie sich doch oft über Dinge, die Jamir selbst mit Narit nicht teilen konnte. „Das stimmt“, bestätigte Jamir. „Ich sehe es nicht nur als Ritual in unserer Gesellschaft. Für mich ist es auch ein Punkt, mein vergangenes Leben etwas hinter mir zu lassen. Besonders das Haus erinnert mich natürlich an all das, was war“, schilderte Jamir nachdenklich. „Ich freue mich für Dich, dass Du diesen Schritt heute gehen kannst. Das ist nur formal, aber dennoch ein Symbol für Deine Wünsche“, traf es Aarena auf den Punkt. „Danke, Aarena. Das bedeutet mir viel, dass Du das so verstehst. Mit dem heutigen Tag ändert sich nicht alles sofort. Und das soll es auch gar nicht. Aber es ist ein guter Startpunkt, eben ein Symbol“, bestätigte er sie.

An einem der Getränkestände sicherten sie sich vier Schalen mit balearischem Sangrol, ein leichter Wein aus den balearischen Höhenlagen in Osokur. Zurück bei Narit und Uluras sahen sie, dass die beiden vier Plätze mit gutem Blick auf die Hauptbühne und die Menge davor gesichert haben. „Genau das brauchen wir, um auf Euch beide anzustoßen!“, freute sich Uluras. Den Sangrol genossen sie immer mal wieder zu feierlichen Anlässen, zuletzt zu Aarenas Geburtstag.

 

Sie stießen an, als zugleich von der Bühne aus ein neues Lied anstimmte. Es erklang die Melodie von Auld kaiom Shen, eines der ältesten Lieder ihrer Kultur. Es hat eine eher ruhige Melodie, die im Refrain von kraftvolleren Passagen begleitet wird und für Um- und Aufbruch steht. Bedeutung gewann es wieder vor wenigen Jahren nach dem Krieg, als die Osokur neben ihrer Nationalhymne auch in diesem Lied einerseits Trost, andererseits aber auch wieder Mut und Kraft fanden, positiv nach vorne zu blicken.

Jamir war in Gedanken versunken, als Narit zu einem Trinkspruch ansetzte. Alle vier hoben das Glas, doch Jamir dachte an seine Eltern. Auld kaiom Shen wurde auch an ihrer Beerdigung gespielt. Aarena, die ihm gegenüber saß, schaute auf Narit und Uluras und hatte ihren Fokus doch auf Jamir und wusste, was in ihm vorging. Jamir überhörte, was Narit sagte und kam erst wieder in das Hier und Jetzt, als die Schalen beim Anstoßen erklangen. Er zuckte etwas und setzte zu einem Lächeln in Richtung der anderen an.

„Jamir und Narit, heute im Harukai, es fürchtet sich der Borgkonkir“, versuchte Uluras zu reimen. Sie mussten alle lachen, spielte Uluras doch auf die Abende am Lagerfeuer am Fuße des Borgonkir an, an welchem sie Zelten waren. „Auf zwei kleine Jungs, die heute endlich Geburtstag haben und die Welt entdecken dürfen!“, setzte Aarena an. Noch einmal stießen sie an. Narit und Jamir fassten einen größeren Schluck.

 

Sie blickten von ihrem Platz aus reihum auf den großen Festplatz. Die vielen tausend Anwesenden werden heute Zeuge, wie ein paar Dutzend junge Menschen ein Ritual erleben, welches sich seit vielen Generationen in der Kultur der Osokur gehalten und immer wieder gewandelt hat. Längst hatte es nicht mehr den Charakter einer längeren Zeremonie, doch seine Bedeutung hielt über Generationen an. Respekt haben nach wie vor alle Osokur, was wiederrum in ihrer gesamten Kultur begründet ist. Als eine Gesellschaft, in der das Gemeinwohl einen hohen Stellenwert hat, ist allen die Bedeutung verbindender Elemente mehr oder weniger bewusst. Neben dem Harok’tan, dem Ritual des Alterns, ist das Harukai mit das bedeutendste im Reigen der Feste im Leben eines Angehörigen der Osokur.

 

Sie genossen den letzten Schluck Sangrol und schauten sich an. Jamir dachte an die Pläne, die er mit Narit in den letzten Wochen konkretisiert hatte. Für ihn war der Zeitpunkt sowieso gekommen und auch gerade geeignet, genau diese Pläne zu thematisieren. Er suchte Blickkontakt zu Narit und nickte im zu. Jamir spürte, dass er ihn verstand.

Jamir setzte an: „Uluras, Aarena, wir haben Euch etwas zu berichten.“ Ihre Blicke verrieten, dass sie seine volle Aufmerksamkeit hatten. Ob sie eine Ahnung hatten? „Narit und ich haben uns in den letzten Wochen Gedanken darüber gemacht, wie es in der Zeit nach dem Harukai weitergehen soll. Wir haben natürlich unsere eigenen Pläne, doch wollen wir auch die günstige Zeit nutzen, um selbst etwas in die Weite zu gehen.“

„Ihr geht nach Raion Urum!“, sagte Uluras überzeugt. Jamir und Narit schauten sich gleichzeitig fragend an. „Was?“, reagierte Jamir schließlich. „Naja, ihr geht einige Zeit nach Raion Urum, zu Faione und werdet dort vermutlich arbeiten. Und die Gegend erkunden. Das Leben dort kennenlernen. Etwas neues sehen“, führte Uluras aus und schien damit die Erklärung zu haben, die Narit und Jamir schuldig waren. „Und dann kommt ihr wieder zurück, an Erfahrungen reicher, klarer in Euren Zielen, bereit für neue Dinge!“, ergänzte Aarena. „Ja, also, so war das gedacht“, sagte der noch immer überraschte Narit. „Natürlich werdet Ihr dort eine gute Zeit haben und wir kommen, wenn es günstige Umstände gibt, gerne für eine kleine Reise zu Euch“, fuhr Aarena fort und musste zugleich Uluras erheitert anschauen ob dem vermeintlichen Treffer, den sie für sich gewonnen haben. „Dachtet ihr beide etwa, so etwas haben wir nicht erwartet?“, fragte Uluras. „Wahrscheinlich schon“, schmunzelte Jamir. „Ich frage mich gerade, wer uns beide wirklich kennt!“, schmunzelte Narit. Jamir war erleichtert. Innerlich etwas verwundert, aber auch erleichtert über diese Reaktion.

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