Über Ambivalenzen und individuelle Konstruktionen

Auf Carl-Gustav Jung zurück geht der Prozess der „Individuation“: Das ist ein nicht-finaler, lebenslanger Prozess, in welchem sich der Mensch im Verlauf seines Lebens entwickelt und erst durch mehr und mehr vorhandene Reife sein Selbst erforschen, erfahren (Selbstwirksamkeit) und somit entfalten kann. Der Mensch ebnet so seinen Weg vom Individualbezug als Kind zum Kollektivbezug als Jugendlicher und Erwachsener: Er sucht sich seinen Platz in der Gemeinschaft.

 

Wie gestaltet sich unser individuelles und kollektives Leben?

Wir konstruieren als Gemeinschaft unsere Wirklichkeit: Es gibt eine bewusst und unbewusst herbeigeführte gesellschaftliche Norm über und Deutung von Etwas. Es gibt Werte, Systeme, als normal geltende Verhaltensweisen. So arrangieren wir unser menschliches Zusammenleben.

Wir konstruieren als Individuum unsere Wirklichkeit: Es gibt eine bewusst und unbewusst herbeigeführte individuelle Norm über und Deutung von Etwas. Wir haben Meinungen, Vorurteile, Reaktionsmuster. So arrangieren wir unser Zurechtkommen mit anderen.

 

Ambivalenzen zwischen Individual- und Kollektivbezug

Wenn diese „Aushandlungen“ nicht gelingen, entwickeln sich Ambivalenzen zwischen Individual- und Kollektivbezug. Wird durch eine solche Ambivalenz die Lebensqualität über einen längeren Zeitraum eingeschränkt, so ist deren Auflösung notwendig: Hindert sich ein Mensch also in seiner Entwicklung durch nicht hilfreiches Verhalten, Vorurteile oder Reaktionsmuster?

Eine Ambivalenz auflösen zu wollen benötigt die Fähigkeit zur Reflexion und Eigenverantwortung. Wer etwas nicht bei sich selbst, sondern lieber bei anderen verändern möchte, begibt sich in einen nicht gelingenden Prozess. Unsere eigenen Gedanken und die daraus resultierenden Haltungen und Verhaltensweisen können wir ändern. Sie existieren als Konstrukt in unserem Bewusst- und Unterbewusstsein. Sie sind ein Modell, welches wir aus unserem bisher Erlebtem und Erlernten schaffen.

Wir sind in eine Sozialisation hineingeboren, die unsere Entwicklung und Entwicklungsmöglichkeiten bestimmt. Vieles in unserer Gesellschaft ist unmittelbar mit der Herkunft und den finanziellen Ressourcen verbunden. Wir lernen im Laufe unseres Lebens, uns mit den äußeren Gegebenheiten zu arrangieren – ein Kreislauf, ein immerwährender Aushandlungsprozess, mit dem wir uns selbst unseren äußeren Rahmenbedingungen anpassen. Ein Beispiel für einen Widerspruch sei hier die Theorie der Kognitiven Dissonanz: Wir empfinden ein Gefühl oder eine Situation als unangenehm und versuchen uns diese anzupassen, um eine Übereinstimmung zwischen unseren Gedanken und der tatsächlich erlebten Realität herzustellen.

Wir alle haben ein „Lebensskript“: Verhaltens- und Handlungsmuster, Glaubenssätze, Reaktionsmuster. Einiges davon ist uns bewusst oder wird uns von anderen gespiegelt. Viele Verhaltensmuster bleiben aber auch verborgen. Möglicherweise stoßen wir erst im Laufe unseres Lebens auf einige dieser Verhaltensweisen und entscheiden uns, diese zu ändern.

Ein Teil dieses Lebensskripts ist uns von unseren Eltern in die Wiege gelegt. Der Rest kommt besonders in den ersten Jahren hinzu: Als Baby adaptieren wir viele Verhaltensweisen von den uns direkt umgebenden Personen. Das hat den simplen Zweck, um u. a. Überleben zu können. Doch prägen diese Muster auch unser gesamtes späteres Leben. Als Kind können wir das nur bedingt beeinflussen, da wir noch immer im Lernprozess sind. Spätestens in der Pubertät, wenn sich vollends eine eigene Identität entwickelt, können wir tatsächlich bewusst „filtern“ und sind fähig, abzuwägen und selbstbestimmter zu handeln.

 

Den Kreislauf wandeln

Nicht, dass diese Muster negativ zu bewerten sind. Es sind Routinen, die uns das Leben ermöglichen und erleichtern. Doch gibt es auch Dinge, die uns später einschränken können. Ein Kind, dass nur wenig Anerkennung aus tatsächlicher Liebe erfahren hat, wird möglicherweise den (unbewussten) Glaubenssatz entwickeln, nur durch Leistung anerkannt zu werden – ein Dogma, welches zum Lebensskript wird und sich später nicht nur im Beruf wiederfindet, sondern auch bei der Erziehung der eigenen Kinder einen hohen Stellenwert einnehmen kann.

Ein Kreislauf, der durchdrungen werden kann, wenn man sich selbst auf die Spur kommen will und durch Hilfe und Unterstützung Dritter hinter diese verborgenen Verhaltensmuster und Glaubenssätze blickt. Besonders dann, wenn man Unzufriedenheit spürt, das Gefühl hat, etwas anders machen zu wollen, oder bewusst ist, dass Selbstbild und Handeln nicht stimmig zueinander sind.

Was ist die Realität? “Sie liegt im Auge des Betrachters”, so eine häufige Antwort.

Wie denken Sie dazu? Wie sind Ihre Erfahrungen?

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