Wie der Mensch Wirklichkeit entwickelt: Gesellschaftlicher Konstruktivismus

Ihren Ursprung finden die Überlegungen zur „gesellschaftlichen Konstruktion“ bei Helmuth Plessner und Arnold Gehlen, deutsche Philosophen und Begründer der „Philosophischen Anthropologie“ – einer Schule, die sich mit dem Wesen der Menschen befasst. Sie kommt zur Erkenntnis, dass Menschen weltoffen sind, ihre Welt und sie selbst sind biologisch nicht festgelegt oder statisch. Im Vergleich zu Tieren bestimmt er über sein Handeln selbst und ist nicht geographisch gebunden. Der Mensch verfügt über einen Geist, ein Bewusstsein, welches sich aber immer wieder bestätigen muss. Der Mensch muss sich und seine Umwelt selbst sowie mit anderen Menschen, die Teil seiner Umwelt sind, deuten und erschaffen, „konstruieren“. Die daraus entstehenden Konstruktionen müssen ebenso wieder abgesichert werden.

Das bedeutet nicht, dass die Umwelt und damit die Welt beliebig konstruierbar ist. Sie wird vielmehr durch Erwerb und Weitergabe von Wissen geschaffen. Aufgrund ihrer biologischen Besonderheiten und den Besonderheiten der sie umgebenden Welt müssen Menschen sich Wissen über ihre Welt erschaffen. Dieses Wissen wird an die jeweilige nachfolgende Generation weitergegeben. Jede Generation findet also eine bereits sozial konstruierte Wirklichkeit vor und wird in dieser sozialisiert. Diese Wirklichkeit wird im alltäglichen Handeln auf ihre Nützlichkeit hin überprüft und dort, wo das vorhandene Wissen an Grenzen stößt, abgeändert.

 

Wichtige Einflüsse auf die Forschung der sozialen Interaktion und wie sie durch individuelle Konstruktion gespeist wird, haben der US-Soziologe Peter L. Berger und der in Deutschland lehrende Thomas Luckmann mit der Entwicklung ihres „Sozialkonstruktivismus“ in den 1960er Jahen geschaffen. Das neue in der Sicht auf den Menschen dabei ist nicht eine philosophisches Theorie, die den Ausgangspunkt des Handelns in der Welt beschreibt, sondern die Frage, wie der Mensch in seinem Alltag, bspw. in der Arbeitswelt, handelt, damit Wissen schafft und mit anderen interagiert. Die Grundlage menschlichen Handelns ist das intra- und intergenerationelle Wissen, welches über die Dauer kultiviert wurde. Dieses Wissen wird über Sprache und andere Ausdrucksformen materialisiert.

 

„Die Wirklichkeit der Alltagswelt ist um das „Hier“ meines Körpers und das „Jetzt“ meiner Gegenwart herum angeordnet. Dieses „Hier“ und „Jetzt“ ist der Punkt, von dem aus ich die Welt wahrnehme. Was „Hier“ und „Jetzt“ mir in der Alltagswelt vergegenwärtigen, das ist das „Realissimum“ meines Bewußtseins.“
– Peter L. Berger, Thomas Luckmann, „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“

 

Wissen selbst ergibt sich aus dem alltäglichen Handeln: Das, was hilfreich ist, Probleme des Alltags zu lösen, wird als Erfahrung abgespeichert und als Wissen erinnert. Das Vorgehen, welches ein Problem gelöst hat, wird als Handlung wird habitualisiert. Das habitualisierte Handeln gilt als institutionalisiert, wenn erfolgreich angewandte Handlungstypen und in einer Gesellschaft normale Vorgehensweise sind. Diese Institutionalisierungen wiederrum schaffen eine ritualisierte soziale Ordnung.

Die Interaktion unter den Menschen in einer Gesellschaft, der Erwerb und die Weitergabe von Wissen geschehen dabei nach einem prozesshaften Vorgehen: Mit den drei Schritten der Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung wird nach Peter Berger das Zusammenleben dialektisch geformt. Letztendlich ist die Gesellschaft selbst ein menschliches Konstrukt, ohne Menschen entstehen keine Gesellschaften, ohne eine Gesellschaft kann der Mensch nicht in einer Welt leben, eine Gesellschaft als Kultur ist jedoch nicht abhängig vom einzelnen Individuum. Der Mensch kommt als lernendes Wesen auf die Welt und entwickelt sich weiter, er formt sich durch und in seiner Sozialisation. Dieser Vorgang wird als Externalisierung bezeichnet. Der Mensch tritt körperlich und geistig in Kontakt mit seiner Außenwelt, er „entäußert“ sich. Durch diese Entäußerung wiederrum schafft der Mensch Strukturen und Institutionen. Die geistige Entäußerung des Menschen wird vergegenständlicht und damit objektiviert. Das, was andere Menschen oder man selbst externalisiert hat, wird nach dessen Objektivierung zugleich auch interalisiert. Das, was Eltern bspw. durch Erziehung in der Sozialisierung an ihre Kinder weitergeben, wird von ihnen internalisiert.

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