Barnum-Effekt (4)

Safe-House, 13:40 Uhr

Gemeinsam mit Sato fuhr Bethesda zurück zum Safe-House. Kurz nach der Abfahrt von der Schnellstraße erkannten sie eine der zivilen Einheiten, die in bestimmten Abständen ihre Position wechselte – ein stilles Zeichen dafür, dass sie nicht allein waren. Am Anfang der Straße, in der das Safe-House lag, brachte Bethesda den Wagen zum Stehen. Die Häuser wirkten hier gepflegter als zum Ende hin, doch sein SUV passte auch hier nicht ins Bild – zu groß, zu präsent. Er beschloss, baldmöglichst auf einen unauffälligen Dienstwagen umzusteigen, einen von der Sorte, die man übersah, selbst wenn man direkt danebenstand.
Den Rest des Weges legten sie zu Fuß zurück. Hinter einer Fensterscheibe bewegte sich ein Schatten, kurz darauf öffnete sich die Tür. Einer der Kollegen hatte sie kommen sehen.
 
Dr. Leland saß in einem abgewetzten Sessel in der Küche, eine weiße Emailletasse in der linken Hand. Der Geruch verriet, dass Keogh einen ungewöhnlich starken Kaffee gekocht hatte – eine wohl nicht zu ändernde Angewohnheit aus langen Observationen, wie Bethesda dachte. Sie nickte ihm zu und nahm einen kräftigen Schluck. Am Küchentresen lehnte Keogh, den Blick auf sein Smartphone gerichtet, doch seine Haltung verriet Aufmerksamkeit.
»Guten Tag, Dr. Leland. Mein Name ist Joanna Sato von der Abteilung für Wirtschaftskriminalität«, sagte Sato und reichte ihr die Hand. Ihre Stimme blieb ruhig, sachlich. »Ich werde mich kurz mit den Detectives Bethesda und Keogh abstimmen und anschließend noch einmal mit Ihnen sprechen.«
»Gerne«, antwortete Dr. Leland. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, blieb jedoch nicht lange. Sie war zu angespannt, um echt zu sein. »Ich werde hier sein«, versuchte sie die Situation mit einem Anflug von Humor zu nehmen.
 
Keogh steckte sein Smartphone in die Tasche und winkte mit dem Kopf Bethesda und Sato ins Wohnzimmer. Er schloß die Tür und begann zu berichten.
»Dr. Leland hat mir noch einige Namen und Funktionen von Reinfeld genannt, die wir überprüfen müssen. Neben Dr. Ambre Leclercq gibt es noch einen Oliver Shoemaker, den wir zu den Top-Leuten zählen sollten. Er war ihr Assistent. Während Leclercq die gesamte Zeit in Kolumbien war, kam er regelmäßig in die Staaten zurück. In dieser Zeit fanden wohl mehrere Treffen mit Saunders statt. Dabei war auch ein Mr. Goodwin von der CDC…«
»Was den Verdacht bestätigen würde, dass eine US-Behörde involviert ist«, unterbrach Sato.
»Genau. Diesen Verdacht teilt auch Dr Leland. Erst vor wenigen Tagen berichtete ihr Mr. Harrow, dass er mit dem Projekt verbundene Zahlungen an ein Unternehmen in Boston gefunden hat, deren Höhe und Turnus ihm verdächtig vorgekommen sind. Nach weiterer Recherche fand er heraus, dass es sich wohl um eine Briefkastenfirma mit Verbindung zur CDC handelt.«
»Mmh. Hat sie weiteres zur Rolle von Mr. Harrow gesagt?«, hakte Bethesda nach.
»Er ist in der Verwaltung und im Leitungsbereich um Mr. Reinfeld tätig. Anscheinend ist er direkt mit dem Stiftungswesen betraut. Sie beschreibt ihr Verhältnis als freundschaftlich. Beide haben ihre Tätigkeit zeitgleich bei Reinfeld begonnen und sich an einem Empfang für neue Mitarbeiter kennengelernt. Ein paar Mal hätten sie sich auch außerhalb der Arbeit getroffen, meist mit anderen Kollegen zusammen.«
Bethesda nickte nachdenklich.
»Ich habe Dr. Leland gebeten, zu den Forschungsberichten und den Erkenntnissen von Mr. Harrow ein Gedächtnisprotokoll anzulegen«, fuhr Keogh fort. »Sie hat bereits damit begonnen. Es ist im Tablet auf dem Küchentresen gespeichert. Ich habe sie nur so weit berichten lassen, wie es ihr momentan möglich ist. Sie sorgt sich um Mr. Harrow und scheint nun auch für sich zu realisieren, dass sie selbst in ernster Gefahr war – oder immer noch ist. Wir sollten ihr etwas Zeit geben.«
Bethesda nickte zustimmend. Er griff in seine Manteltasche, zog eine weiße Chipkarte heraus und hielt sie seinen Kollegen vor die Augen. »Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, dass wir uns hiermit beschäftigen.« Langsam drehte er die Karte um ihre Achse. Neugierig folgten ihre Blicke dem unscheinbaren Gegenstand, der ein bedeutendes Geheimnis zu bewahren schien.
Keogh fasste sich mit der linken Hand ans Ohr. Der Ohrhörer knackte leise und signalisierte damit eine eingehende Funknachricht. Er hörte zu und bestätigte knapp: »Verstanden!«
»Das war Officer Williams. Sie war in Ms. Lelands Wohnung und wird gleich hier eintreffen.«
»Gut«, bestätigte ihn Bethesda. »Dann sehen wir, was sie uns berichten kann.«
 
Sie gingen zurück in die Küche. Dr. Leland hatte die Tasse abgestellt und saß nun aufrecht im Sessel, beide Füße standen fest auf dem Boden. Ihre Haltung wirkte erwartungsvoll, als wolle sie endlich aktiv werden.
»Ms. Leland«, setzte Keogh an, »gleich kommt meine Kollegin Ms. Williams von Ihrer Wohnung zurück. Sie war auch zu Hause bei Mr. Harrow. Wir warten ab, welche Neuigkeiten sie für uns hat.«
»Danach werden wir uns gemeinsam die Speicherkarte ansehen«, fügte Bethesda gleich an. Dr. Leland war aufmerksam. »Wollen wir mal sehen, ob wir tiefer in die Materie…« Durch ein Klopfen an der Tür wurde er unterbrochen.
Keogh öffnete. Officer Williams trat ein. Mit der rechten Hand hielt sie eine dunkle Sporttasche hoch.
»Benjamin…«, nickte sie ihrem Vorgesetzten zu – »Detectives…«, wandte sie sich kurz an Bethesda und Sato.
Dr. Leland war inzwischen aufgestanden. Williams übergab ihr die Tasche.
»Hier sind ihr Laptop, Waschzeug und Wechselkleidung drinnen. Ich hoffe, ich habe all die Sachen eingepackt, die sie beschrieben haben.«
»Vielen Dank«, sagte Dr. Leland mit einem warmen Lächeln und fügte zügig hinzu: »Wie sieht es bei mir zu Hause aus? Und was konnten sie bei Eugene erreichen?«
Williams hielt kurz inne und schaute Keogh an. Mit einem Nicken signalisierte er Zustimmung, offen zu berichten.
»Bei Ihnen zu Hause ist alles in Ordnung. Ich war mit einem Kollegen vor Ort, wir konnten vor ihrer Wohnung niemand Verdächtigen erkennen. Es gab auch keine Anzeichen dafür, dass ihre Wohnung geöffnet wurde. Wir haben drei Kameras und Mikrofone installiert. Ein Überwachungsteam hat ein Stück weiter in der Straße Position bezogen…« Sie konnte sehen, wie sich Dr. Lelands Haltung etwas entspannte. Dennoch umschloss ihre Hand weiterhin fest den Griff der Sporttasche.
»Und wie ist die Lage bei Mr. Harrow?«, fragte Bethesda.
Williams Blick wurde ernst. »In seine Wohnung konnten wir nicht gehen. Wir näherten uns von einer Seitenstraße aus vorsichtig an und bemerkten vor dem Haus eine auffällige schwarze Limousine mit getönten Scheiben. Eine Überprüfung des Kennzeichens ergab, dass sie zu Reinfeld gehört. Wir versuchen, auch dort zu observieren.« Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit.
Bethesda seufzte. »Dann wird Reinfeld wohl seine Wohnung schon durchsucht haben. Natürlich haben wir gehofft, bei ihm Aufzeichnungen oder Datenmaterial zu finden«, erklärte er mit Blick auf Dr. Leland. »…Wir werden uns jetzt darauf konzentrieren, Ihren Aufenthalt weiterhin verdeckt zu halten. Daher bleiben sie vorerst hier im Haus. Mr. Harrow befindet sich zwar in einem nicht öffentlichen Bereich im Krankenhaus, dennoch wird sein Schutz durch uns für Reinfeld nicht allzu schwer zu ermitteln sein. Wir widmen uns dem Speicherchip und ihrem Gedächtnisprotokoll, um das Konstrukt Ihrer Theorie und zu unseren Ermittlungen zu festigen.« Mit Blick auf Sato ergänzte er: »Morgen früh werden wir im Präsidium berichten und mit Captain Miller die weiteren Schritte besprechen.«
»Was ist mit Eugene?«, fragte Dr. Leland. Die Sorge stand ihr wieder deutlich ins Gesicht geschrieben.
»Sobald er wieder ansprechbar ist, werden wir von unseren Kollegen informiert.« Mit einer ruhigen, sanften Stimme wendete er sich ihr zu. Als Geste des Vertrauens fasste er kurz ihren Oberarm. »Ms. Leland, sie spüren jetzt langsam den Stress, der sich in den letzten Wochen in Ihnen aufgebaut hat. Die letzten Stunden haben wie ein Katalysator gewirkt für das, was sie befürchteten. Ich kann Ihnen versichern, dass wir alle für Ihren Schutz eintreten. Und natürlich auch für den von Eugene. Wir versuchen, die Gründe für die Situation zu ordnen…« Er ließ eine kurze, bewusste Pause ein. «…Ms. Leland, wir sind für sie da. Und ich habe den Eindruck, dass sie bemerkenswert gefasst mit der Situation umgehen.«
Sie schenkte seinen Worten vertrauen. Zugleich kreisten ihre Gedanken unaufhörlich um das, was ihr und ihrem Kollegen gerade wiederfuhr – und wozu ihr Arbeitgeber womöglich fähig war.
 
Officer Williams wandte sich an Bethesda. »Ich fahre jetzt ins Krankenhaus und übernehme dort die nächste Schicht. Wenn es Neuigkeiten gibt, werde ich mich umgehend melden.«
»Danke«, nickte er. „Bitte machen Sie auch einen Rundgang um das Gelände und prüfen, ob Ihnen dort irgendetwas Verdächtiges auffällt.«
 
Sato bat Dr. Leland ins Wohnzimmer. Gemeinsam mit Bethesda setzten sie sich an den Wohnzimmertisch. Sie klappte einen Laptop auf und meldete sich an. Aus ihrer Jackentasche zog sie einen Chipleser, den sie mit Bethesda auf dem Rückweg vom Krankenhaus bei einem Zwischenstopp am Präsidium abholte, und schloss ihn an.
Bethesda reichte ihr die Chipkarte. Dr. Lelands Blick folgte ihr.
Sato führte die Karte mit dem goldfarbenen Chip obenan in das Gerät ein. Die kleine Signalleuchte wechselte von grün zu rot. Im Datei-Manager wurde nur eine vorhandene Datei auf dem Chip ausgewiesen. Sato klickte darauf, nach wenigen Augenblicken öffnete sich ein Dokument. Bethesda, Sato und Dr. Leland starrten auf den Bildschirm und staunten über das, was dort stand:
»06. Mai. Persönlicher Bericht von Burt Reinfeld an Eugene Harrow.«
 
Detective Sato ergriff als erste das Wort, nachdem alle einige Zeilen gelesen hatten. »Mr. Harrow muss eine enge Vertrauensperson von Mr. Reinfeld gewesen sein. Was wir hier lesen, sind Aufzeichnungen über die inoffiziellen Aktivitäten der Blauen Forschungsabteilung und das Projekt in Kolumbien, von denen Mr. Reinfeld demnach keine Kenntnis hatte. Womöglich hat er bewusst jemanden außerhalb der Führungsebene gesucht, weil er nicht mehr wusste, wem er noch vertrauen konnte.«
»Eugene hat mir nie etwas davon erzählt. Es würde aber erklären, aus welcher Quelle ein Großteil seiner Informationen stammte«, ergänzte Dr. Leland. Sie zögerte. »Allerdings…« – sie musste schlucken – »allerdings habe ich eine Befürchtung… – Was, wenn Mr. Reinfeld nicht eines natürlichen Todes gestorben ist?« Sie blickte in die aufmerksamen Augen der beiden Detectives und konnte selbst kaum glauben, was sie gerade ausgesprochen hatte.
»Das würde sich jedoch nahtlos in unsere bisherigen Erkenntnisse einfügen«, sagte Bethesda nachdenklich. Er versuchte, die neuen Puzzleteile zu ordnen. »Mr. Reinfeld ahnte offenbar, dass in seinem Unternehmen etwas ein Eigenleben entwickelt hat, von dem er selbst nichts wusste. Vielleicht hatte er auch schon andere Personen einbezogen – allerdings die Falschen. Und genau das wurde ihm zum Verhängnis…«
»…Und der internen Abteilung war anfangs nicht bekannt, dass der Vorstands-vorsitzende einen Bericht an einen Verwaltungsmitarbeiter verfasst hatte. Nachdem Mr. Harrow weitere Nachforschungen anstellte, wurden sie auf ihn und Sie, Dr. Leland, aufmerksam«, fasste Sato den aktuellen Ermittlungsstand zusammen.
»Sollten sich unsere bisherigen Erkenntnisse und Überlegungen festigen, dann haben wir es mit einem Vorfall zu tun, der bei unserem weiteren Vorgehen äußerste Vorsicht erfordert.« Bethesdas Ton war nachdrücklich. »Ich kann gerade nur darauf hoffen, dass Mr. Harrow bald in der Lage ist, uns weitere Informationen zu liefern. Wir müssen dringend die von Ihnen genannten Personen überprüfen und herausfinden, wer die weiteren Hintermänner bei Reinfeld sind«, fügte er mit Blick auf Dr. Leland hinzu.
 
Keogh kam herein und blicke in drei ernste, fast reglose Gesichter.
 
…weiter zu Teil 5

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