Barnum-Effekt (5)
St.-Mary-Hospital, 16:30 Uhr
Im Wagen herrschte Stille. Als die Meldung eingegangen war, dass Mr. Harrow wieder wach und klarer sei, sind sie unverzüglich losgefahren.
Bethesda lenkte den Wagen die Auffahrt zum Parkdeck des Krankenhauses hinauf. Er und Detective Sato hatten auf der Strecke nur wenig miteinander gesprochen, mehr haben sich beide ihren Gedanken hingegeben.
Beim Aussteigen spürte Bethesda, wie sein Körper nach neuer Energie verlangte. Er schlug seiner Kollegin einen Abstecher in die Cafeteria vor. Zwei Donuts und ein schwarzer Kaffee mussten als Zwischenlösung reichen, auch wenn das seinen Bedarf nicht lange stillen dürfte. Sato genügte ein Wasser. Sie setzten sich an einen der Tische.
»Wenn wir hier fertig sind, sollten wir ins Präsidium fahren und unsere bisherige Dokumentation sichten. Auch die Aufzeichnungen von Dr. Leland müssen wir gemeinsam bewerten«, schlug er nach einem kräftigen Schluck aus seinem Pappbecher vor. Sato nickte zustimmend.
»Außerdem müssen wir noch einen Kurzbericht für Captain Miller verfassen. Er mag es gern klar und kompakt, damit er weitere Schritte veranlassen kann«, bedachte sie ihre Pflicht für den nächsten Morgen. Bethesda nickte und bemerkte seinen ersten Gedanken an diesem Tag, den er an andere Dinge verlor: Die abendliche Grillparty, zu der sein Nachbar eingeladen hatte, würde für ihn wohl ausfallen. Allerdings fühlte er sich auch nicht in der Verfassung, eine solche nach seinem Dienst zu besuchen.
Der Gedanke machte ihn unruhig. Hastig biss er in einen Donut und nahm noch einen Schluck Kaffee. »Lass‘ uns lieber hochfahren und nach Mr. Harrow schauen«, gab er Sato nüchtern das Signal zum Aufbruch.
Im achten Stock trafen sie auf Officer Williams und die diensthabende Schwester Evans. Williams‘ Bericht war routiniert und beinhaltete keine besonderen Auffälligkeiten: drei Kollegen patrouillierten zwischen dem Patientenzimmer und den unteren Ebenen, die Zusammenarbeit mit dem Sicherheitspersonal des Krankenhauses funktionierte. Schwester Evans informierte über den aktuellen Zustand von Eugene, der den Umständen entsprechend stabil war. Am Abend würde nochmals ein Arzt über weitere Untersuchungen entscheiden.
Bethesda und Sato klopften an die halb geöffnete Zimmertür. Einen Moment lang tat sich nichts. Dann traten sie ein, Eugene blickte sofort zu ihnen. Sein Bett war leicht aufgerichtet.
»Detective… Schön, Sie zu sehen!« Seine Stimme hatte an Kraft gewonnen. Bethesda war erleichtert über seinen Zustand, allerdings eher aufgrund seiner Erwartung, möglichst zügig weitere Informationen erhalten zu können. Er stellte seine Kollegin vor und kam ohne Umwege auf das Dokument von Mr. Reinfeld zu sprechen.
»Ja, Mr. Reinfeld hatte mich kontaktiert und in dieser Angelegenheit ins Vertrauen gezogen«, begann Eugene seine Ausführung. Sein Blick wanderte kurz ab. »Ich konnte zu Beginn selbst nicht glauben, dass es in unserem Unternehmen illegale Aktivitäten geben sollte. Zuerst zweifelte ich auch an, dass er wirklich nichts davon gewusst haben will. Allerdings ist Mr. Reinfeld nicht der Typ, der solche Vorgänge duldet oder ein Projekt hätte weiterlaufen lassen, bei dem derart schlimme Dinge passieren.«
»Warum sind Sie sich da so sicher?«, fragte Bethesda ruhig.
»Mr. Reinfeld war ein aufrichtiger Mensch. Ein Philanthrop. Er hat sich mit seiner Position und seinem Vermögen für kranke und benachteiligte Menschen eingesetzt. Seine Enkelin Olivia kam vor neun Jahren mit einem Gendefekt auf die Welt, für den es noch keine Therapie gab. Er hat deshalb im Unternehmen eine eigene Abteilung aufgebaut und die besten wissenschaftlichen Mitarbeiter für diesen Bereich gesucht.«
»Es kann immer wieder vorkommen, dass Menschen in solchen Positionen unterschiedliche Seiten haben…«, warf Sato behutsam ein, wurde von Eugene aber gleich unterbrochen.
»Nein, Mr. Reinfeld sicherlich nicht. Sie hätten ihn erleben sollen. Er war auch im Unternehmen allen Mitarbeitenden ein zugeneigter, ehrlicher Mensch«, verteidigte er.
»Warum hat er gerade sie ausgewählt?«, wollte Bethesda wissen.
»Nunja,…«, setzte Eugene an und überlegte seine nächsten Worte. »Mr. Reinfeld sprach mich Anfang letzten Jahres am Rande einer Sitzung an und fragte, ob ich von der Rechts- in die Finanzabteilung wechseln und dort eine neue Position als Schnittstelle zu seiner Stiftung übernehmen möchte. Natürlich habe ich dieses direkte Angebot nicht abgelehnt. Nach kurzer Zeit hat er in bestimmten Angelegenheiten äußerste Diskretion eingefordert und verlangt, dass ich zu ausgewählten Vorgängen ausschließlich mit seinem persönlichen Referenten, Mr. Brooks, sprechen darf.«
»Das hört sich so an, als ob er selbst etwas schützen oder gar geheim halten wollte«, bemerkte Sato.
Eugene nickte. »Ja, das wollte er auch. Ein Teil des Vorstandes war daran interessiert, einen größeren Teil der betrieblichen Erträge im Unternehmen zu halten und nicht in die Stiftung zu transferieren. Mr. Reinfeld wollte seine Kontrolle sichern und hat dazu meine Funktion genutzt.«
»Wer aus dem Vorstand wollte das Vermögen im Unternehmen halten?«, fragte Bethesda.
»Allen voran war das Mr. Saunders…« Eugene musste kurz schlucken. »Und Mr. Henderson, der allerdings sein Zögling war…« Nach kurzer Pause setzte er neu an: »Detective… Nach dem, was in den letzten Wochen passiert ist, besonders heute…, ich hätte niemals gedacht, dass so etwas möglich ist – das Menschen so weit gehen können.« Sein Blick erstarrte, Angst lag darin.
Bethesda trat einen Schritt näher: »Mr. Harrow, es hat sich etwas zugespitzt, was das Leben und Ihnen und von Ms. Leland akut bedroht hat… Sie haben es nur mit etwas Glück überlebt. Das ist gerade nur schwer zu verstehen. Das braucht Zeit. Jetzt sind sie im Krankenhaus und Ms. Leland steht ebenfalls unter unserem Schutz. Nach dem, was Stück für Stück zutage kommt, stehen wir gerade erst am Anfang. Sie beide sind unsere Schlüsselpersonen. Sie können uns vertrauen, dass wir sie schützen werden.« Bethesda versuchte Eugene emotional zu erreichen und dennoch etwas sachliche Distanz zu wahren. Er suchte den direkten Augenkontakt, den Eugene wieder etwas sicherer erwiderte.
»Ich habe herausgehört, dass Mr. Reinfeld sie aufgrund der vertraulichen Zusammenarbeit ausgesucht hat. Wissen Sie, ob Mr. Brooks auch informiert war?«
Eugene schüttelte langsam den Kopf. »Das kann ich tatsächlich nicht genau sagen, ich gehe aber nicht davon aus. Ich habe keine Anzeichen dafür gesehen.«
»Wie war das nach dem Tod von Mr. Reinfeld?«
»Danach ging alles sehr schnell. Mr. Brooks hat das Unternehmen nach zwei Wochen verlassen und ist jetzt im Management der Stiftung tätig. Seitdem hatten wir keinen Kontakt mehr.«
»Ich danke Ihnen, Mr. Harrow. Damit erhalten wir ein besseres Bild.« Bethesda machte eine kurze Pause und senkte seine Stimme. »Sehr wichtig ist mir noch zu rekonstruieren, wie der Angriff vergangene Nacht verlaufen ist. Was genau ist passiert? Wer hat sie angegriffen?«
Eugene schien sich kurz zu schütteln, als versuche sein Körper, das Trauma der letzten Nacht erneut abzuschütteln. »Ich bin gestern Abend länger im Büro geblieben, um weitere Unterlagen durchzusehen, die ich vor ein paar Tagen gefunden habe. Kurz zuvor wurde Mara einem vorgeschobenen Sicherheitscheck unterzogen. Man wollte ihr Angst machen.« Er unterbrach, um sich zu fassen. »Ich bin zu weit gegangen…« In seiner Stimme lag ein Zittern. »Detective, ich bin zu weit gegangen, als ich Mara mit einbezogen habe. Ich habe ihr Leben in Gefahr gebracht… Anders als ich könnte sie jetzt tot sein, wenn Sie heute nicht rechtzeitig interveniert hätten.« Seine Augen wurden glasig.
»Mr. Harrow«, sagte Bethesda ruhig, »dank Ihrer Unterstützung konnten wir einen Übergriff auf Ms. Leland verhindern.« Seine Stimme blieb sanft. »Das die interne Abteilung Menschen gefährdet und bereit ist, zu töten, konnten Sie bis jetzt nicht wissen. Weil Sie leben, sind Sie jetzt in der Lage, anderen Menschen zu helfen und illegale Machenschaften bei Reinfeld aufzudecken.«
»Sie haben recht«, erwiderte Eugene. »Wir haben beide Glück, dass wir am Leben sind…«
Bethesda griff den Faden wieder auf. »Was geschah, als Sie gestern alleine im Büro waren?«
»Ich habe Sitzungsprotokolle aus der Vorstandsebene recherchiert. In drei Protokollen wurde jeweils auf Meetings von Mr. Saunders mit der CDC und unseren wissenschaftlichen Mitarbeitern Bezug genommen. Dr. Leclercq gehörte dazu. Normalerweise werden die dort besprochenen Inhalte auch im Protokoll dokumentiert. In denen, die Bezug auf die Blaue Forschungsabteilung oder Kolumbien nehmen, fehlen diese Berichte vollständig.«
Er versuchte, sich aufzurichten. Ein Stechen im Unterleib verhinderte dies.
»Ich habe die Protokolle mit den Unterlagen von Mr. Reinfeld verglichen, um möglichst eine zeitliche Übereinstimmung herzustellen. Es muss etwa 22:15 Uhr gewesen sein, als ich nach Hause gehen wollte. Ich verschloss das Büro und sicherte die Etage. Unten informierte ich das Sicherheitspersonal. Solange sich noch Mitarbeiter in der Leitungsebene befinden, werden dort keine Kontrollgänge durchgeführt.« Sein Atem wurde schwerer. »Ich verließ den Tower durch den Haupteingang in Richtung Metro. Ich wollte eine andere Station nehmen, um noch etwas an der Luft zu sein. Ich bemerkte, dass mir jemand folgte und schneller wurde…« Er setzte ab, um Luft zu holen. »Ich habe meinen Schritt beschleunigt. Als ich in Höhe des Whitman-Plaza war, wurde ich von hinten angesprochen. Ich drehte mich um und erkannte Mr. Cox, den stellvertretenden Leiter der Sicherheitsabteilung…« – seine Aussprache wurde schneller, fast hastig – »Da war mir klar, dass ich in Gefahr bin. Ich wollte mich umdrehen und flüchten, aber er war schon zu nahe. In seiner rechten Hand erkannte ich einen glänzenden, metallenen Gegenstand.« Er brach ab.
»Und dann ist es passiert«, signalisierte Bethesda seine volle Aufmerksamkeit.
»Und dann ist es passiert…«, flüsterte Eugene. »Es war ein unglaublicher Schmerz. Was dann passierte, weiß ich nicht mehr genau. Irgendwie muss ich entkommen sein… Sonst wäre ich nicht hier.«
»Heute Morgen sagten sie, der Übergriff sollte eine Warnung sein«, hakte Bethesda nach.
»Das weiß ich nicht… Ich glaube, heute Morgen konnte ich nur an die Sicherheit von Mara denken. Ich hatte große Panik, sie könnte bereits ein Opfer geworden sein.«


