Über das Selbst

„Ich kenne mich.“ – Ein Satz, den jeder von uns schon einmal gesagt haben dürfte. Und er bedeutet so viel: drei einfache, alltägliche Wörter, die aber doch eine tiefe Bedeutung haben, nehmen sie doch auf nichts geringers Bezug als auf uns als Subjekt, als Mensch. „Ich“ und „mich“ nehmen beschreibend direkt Bezug auf uns als Person, „kennen“ verbindet sie: Wir konstruieren mit diesen Wortern unsere Person im Kontakt mit unseren Mitmenschen, unserer Umwelt, aber auch gegenüber uns selbst.

 

Beziehungsebene

William James, ein bedeutender US-Psychologe, beschreibt das „Ich“ als eine Art inneren Beobachter, der wahrnimmt, verarbeitet und damit unsere Handlungen steuert. „Mich“ beschreibt uns als Subjekt in Relation zu unserer Umwelt. Es ist das wahrgenommene, gewusste und gesteuerte Ich. Im theoretischen Gebrach umschreiben wir dieses „Mich“ mit „Selbst“. Damit sind uns viele Begriffe und Beschreibungen vertraut: Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Selbstkonzept, Selbsterkenntnis, Selbstbild, Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, um nur einige zu nennen.

Sprechen wir mit anderen, so signalisiert unserem Gegenüber ein „ich“, dass wir von uns sprechen, auf uns Bezug nehmen. Während wir das tun, meinen wir zugleich unser „Selbst“ mit: Wir offenbaren unserem Gegenüber all das, was uns ausmacht, was uns charakterisiert.

 

Unsere Identität

Schon in der Antike wurden die Menschen dazu aufgerufen, sich selbst zu erkennen. Nach der Überlieferung des Orakel von Delphi sollte der Mensch sich selbst erkennen, also in sein Inneres schauen, um Probleme im Außen lösen zu können. Wer sich selbst erkennt und kennt, dem ist seine Identität bekannt. Sie ist die Gesamtheit aller Wesensmerkmale, die einen Menschen kennzeichnen und von anderen unterscheidbar machen. Sie gibt uns und anderen Auskunft darüber, wer wir sind – „Ich“ und „mein“.

 

„Man sieht, was man am besten aus sich sehen kann.“
– Carl Gustav Jung

 

Die Identität eines Menschen beschreibt seinen Kern. Um diesen Kern herum bilden sich Verhaltensmuster, welche er sich im Laufe der Zeit aneignet. Sie erweitern unsere Identiät, können ihr aber auch entgegen stehen. Der Kern der Identität ändert sich weniger umfangreich und ist eher in unseren verschiedenen Lebensphasen stabil. Unsere Identität kann aber gestört werden: Durch massive äußere Einflüsse, durch Krisen, durch Krankheit, durch einen Verlust an Handlungsoptionen und des Wissens um die eigene Individualität.

Unser Leben ist keineswegs statisch. Als Kind wächst unsere Identität, sie reift anhand unserer Bezugspersonen. Als Erwachsener wird unsere Identität bspw. durch Beziehungen und den Beruf geprägt. In Umbruchsituationen ist es wichtig, die eigene Identität zu kennen und in einem aktiven oder passiven Prozess zu entwickeln oder anzupassen.

Die Soziologie lehrt uns: Identität konstruiert sich über Beziehung. Martin Buber sagt: Der Mensch wird am Du zum ich. In unserem Leben sind es die Beziehungen von Mensch zu Mensch. So „begegnen“ wir uns immer in den anderen. Unsere Beziehungen sind die Spannungsfelder, in denen unsere Identität entsteht.

 

Kennen wir unsere Identität, so sind wir uns bewusst, ein Individuum zu sein. Wer ein Individuum ist, der ist unteilbar, so die Herkunft des Wortes. Zurückgehend auf Carl Gustav Jung und der Entwicklung seiner Analytischen Psychologie geht der Begriff der „Individuation“. Individuation meint die Ich-Werdung eines Menschen, zu dem zu werden, der man wirklich ist und sein kann. Es handelt sich um einen Differenzierungsprozess, der die Entfaltung aller Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten eines Menschen zum Ziel hat. Anders ausgedrückt ist es die „Realisierung des Selbst“, der Entwicklung der Identität. Carl Gustav Jung sieht den Individuationsprozess als einen nicht-finalen, also lebenslangen Prozess, da sich der Mensch sein Leben lang entwickelt, lernen kann und erst durch mehr und mehr vorhandene Reife sein Selbst erforschen, erfahren (Selbstwirksamkeit) und entfalten kann.

Wie denken Sie dazu? Wie sind Ihre Erfahrungen?

Benachrichtigungen für:
avatar
wpDiscuz