Polaritäten

Gut und böse, hell und dunkel, alt und neu, Feuer und Eis, Jung und Alt, nah und fern, Leben und Tod. Die Welt ist eine Welt der Polaritäten. Natürlich: Es braucht Gegensätze. Das eine kann nicht ohne das andere existieren, jede Beschreibung braucht auch eine Gegenseite.

 

Sind Vergangenheit und Zukunft zwei Pole? Dazwischen gibt es noch eine Gegenwart. Doch ist diese so flüchtig, ja gar nicht messbar, erst recht kaum wahrnehmbar, und doch gibt es sie. Der Mensch ist verhaftet in der Vergangenheit, entwirft Szenarien für die Zukunft, macht sich Gedanken über die Dinge, die so oder so nicht eintreten werden. Seine Gegenwart hat keine Ausdehnung, und doch bewegt sich der Mensch ständig in ihr. Versucht er auch noch so gut wie er kann, ihr habhaft zu werden, droht sie ihm doch zu entgleiten.

 

So wenig greifbar die Gegenwart ist, so verfügbar aber der Zwischenraum, die Variation zwischen Gegensätzen. Wir sterben nicht ein bisschen oder leben ein wenig, doch liegen zwischen nah und fern, hell und dunkel, jung und alt – Welten. Varianten. Ausdehnungen. Doch braucht es den Mut, sich diesen Spannen zu bedienen. Es braucht eine Reflexionsfähigkeit, eine Fähigkeit zur Unterscheidung. Eine Fähigkeit, Dinge verstehen zu können, über den eigenen Wissensstand hinaus sich Dinge zu eigen zu machen, um den eigenen Erkenntnishorizont zu erweitern. Dann entwickeln sich wirkliche Gegensätze. Gegensätze mit Nuancen, Variationen, Spannungen, Facetten.

 

Ebenso wie Metaphern sind Polaritäten in der Kommunikation dem Versuch und der Tat eines Missbrauchs unterworfen. Sie vereinfachen. Vergangenheitsorientierung, um sich eine Zukunft herbeizuwünschen. „Make America great again“. Wo ist die Gegenwart? Klimaskeptiker gegen Klimabefürworter, misslingende Kommunikation auf beiden Seiten. Links und Rechts, zwei Lager, so einfach zu benennen. Dazwischen die „Mitte“. Was ist das, die „Mitte“? So unkonkret. Links und Rechts ist da anscheinend schon einfacher zu definieren.

 

Das macht die Welt aber nicht einfacher. Es macht die Welt kurz ein bisschen klarer, sogar die Gegenwart ist länger. Die Welt ist in Pole aufgeteilt, die aber nicht der Realität entsprechen. Dem gegenwärtigen Hier und Jetzt. Das sind keine Gegensätze.

Wie denken Sie dazu? Wie sind Ihre Erfahrungen?

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