Das Fremde in uns

Verstehen wir „das“ Fremde als das Gegenteil von Heimat, so eignen wir unserem Habitus schon als kleines Kind Formen von Fremdempfinden an. Erst sind Vater und Mutter tatsächliche Heimat. Dann die erweiterte Familie, Nachbarn, Bekanntschaften in Kindergarten und Schule – meist aus Straßen, die Kinder erst spät oder gar nicht erkunden. Sie sind vertrauter als Menschen in der eigenen Nachbarschaft, der eigenen Straße. So erhält Fremde auch eine Dimension von nah und fern. Etwas fremdes ist uns nicht geläufig, nicht vertraut. Obwohl etwas sehr fern ist, können wir es uns aneignen, uns nahbar machen. Ist nicht gar der Mond weit entfernt und jedem von uns ein Leben lang nicht erreichbar, hat jedoch für viele von uns etwas Vertrautes?

 

„Entfremdung“ gibt uns eine weitere Perspektive auf das Fremde: Entfremdung beschreibt einen Trennungsprozess. So wird heute unsere Arbeitswelt oft als entfremdet bezeichnet, da uns der konkrete Bezug zum Produktionsprozess und Endprodukt abhanden kommt – der Mensch sieht sich in einer komplexen ökonomischen und globalisierten Welt nicht mehr als Teil eines ganzen, überschaubaren Systems und entfremdet sich deshalb immer weiter von dem, was er aufgrund der Technologisierung nicht mehr haptisch, wahrhaftig be-„greifen“ kann.

Sind wir uns selbst fremd? In psychologischem Zusammenhang können wir uns selbst fremd werden: Wir sind uns selbst oder unserer Welt entrückt. Das kann eine kurzweilige Dissoziation sein, mittels welcher unsere Psyche uns an sich schützen will. Wer „neben sich steht“, fühlt sich entrückt, als fremd zu eigenen Verhaltensweisen. Es ist der fremde Anteil in uns, den wir selbst nicht verstehen.

 

In der globalisierten Welt entwickelt sich das Fremde in ethnischer und kultureller Sicht. Entfremdete Arbeit ist noch zu abstrakt, als dass sie den Menschen in der Nähe Angst bereiten könnte. So ist die Fremde im technischen, dinglichen Sinne ständig gegenwärtig, unser Alltag gelingt nicht mehr ohne sie. Längst hat sie uns erobert. Ebenso wie wir unsere Heimat, unsere Produkte, in die Ferne geschickt haben: Wir haben uns fremde Heimaten „infiltriert“.

Anders verhält es sich mit fremden Menschen: Sie sind uns nicht abstrakt, sie sind uns greifbar. Vermeintlich. Sie werden uns zu einer Gefahr, bedrohen unsere Heimat. Doch wie ist es, wenn wir uns selbst bedrohen? Der Mensch projiziert seine eigene Fremde ins Außen: Das eigene Unbekannte, das eigene nicht Verstandene, die eigene Angst. Auf einzelne Menschen projizierte Eigenschaften werden auf eine ganze Gemeinschaft, eine Kultur übertragen, es wird pauschalisiert, polemisiert, populistisch.

 

Einige Generationen zurück begegneten unseren Vorfahren noch Fremde auf eine andere Art: Als Wanderer. Als Menschen, die tage- und wochenlang unterwegs waren, um von einem Dorf in eine andere Stadt zu gelangen und in kleinen Orten Herberge suchten. Oft waren sie anders, brachten etwas unbekanntes mit, hatten vielleicht einen anderen Dialekt, sahen gar anders aus. Sie waren: fremd. Nur eine Zeitlang – sie wanderten weiter, das Fremde gelangte wieder in die Ferne. Heute kursiert die Angst, diese Wanderer bleiben – sie infiltrieren uns, rauben unsere Identität, soziale und kulturelle Errungenschaften sind in Gefahr.

 

Der Mensch ist sich selbst ein Leben lang fremd. Peter Ehlen, ein deutscher Philosoph, beschreibt Entfremdung als das existenzielle Problem, ein endgültiges Zuhause noch nicht gefunden zu haben. Der Mensch ist sein Leben lang im Spannungsfeld von Fremde und Heimat, nah und fern, Bekanntem und Unbekanntem. Die Auseinandersetzung, die Reflexion damit ist der Weg, sich selbst ein Stück Heimat zu werden, Projektionen auf der Leinwand des Selbst zu betrachten.

 

Nicht am „fremden“ Menschen. Für welchen wir ebenso nichts anderes sind als: Fremde fernab der Heimat.

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